"Ein Köder für die Bestie" - wer kommt denn bloß immer auf so was? Schon gar, wo mit "Cape Fear" ein so wundervoll prägnanter und hintergründiger Original-Titel vorliegt. Immerhin - beim Remake hat man es dann besser gemacht. Um es gleich deutlich zu sagen: Nicht nur das.
J. Lee Thompson drehte sein in jeder Hinsicht schwarz/weißes Original 1962, also in einer Zeit, in der (nicht nur) in den USA noch alle an das Gute glaubten, selbst wenn sie das Böse taten. Da war es eben noch undenkbar, dass ein bedrohlicher Exsträfling gute Gründe für seine Rache hatte. Lieber ließ man den Zuschauer rätseln, woher denn nun eigentlich der Zorn kommt.
Denn das, was man erfährt, erklärt nicht, worin die Motivation für den Kriegszug eigentlich bestehen soll. Davon, dass Mc Cady (Robert Mitchum, 45) für eine brutale Gewalttat verurteilt worden war? Dafür, dass ein Zeuge einem Opfer zur Hilfe gekommen war? Dass ein Rechtsanwalt (Gregory Peck, 46) vor Gericht eine Zeugenaussage macht? All das reicht ja wohl kaum aus als.
Ich will damit nicht fortfahren - wer weitere Beispiele für ein verkorkstes Drehbuch sammeln möchte, muss sich einfach nur das Scorsese-Remake anschauen und dreimal raten, warum dort die Dinge verändert worden sind. Man kommt dann schnell drauf, dass dies geschah, weil sie bei J. Lee Thompson einfach nicht gestimmt haben. Das übelste Beispiel dafür ist der Schluss, der hier selbstredend nicht verraten wird...
Dazwischen herrscht gepflegte Langeweile - zumindest für Menschen, die nicht mehr im Kino laut aufschreien, wenn ein Hund vergiftet wird. Von einer Eskalation, die in einer solchen Rache-Story eigentlich dazugehört wie die zunehmende Panik der Opfer, ist nicht viel zu bemerken. Mitchum und Peck überbieten sich gegenseitig im Vor-Sich-Hertragen unbewegter Mienen. Und die sogenannte Action sieht im Vergleich zum Remake aus wie Laienschauspiel.
Selten sind die Kritiker so einig - warum verleihen manche der alten Version aber immer noch gute Noten? Man wird das Gefühl nicht los, dass manchen Leuten der alte Film gerade deswegen gut gefiel, weil er so extrem schwarz/weiß zeichnet. Ob es zu den Persönlichkeiten und Entwicklungen passt oder nicht, spielt keine Rolle, Hauptsache, die Welt ist in Ordnung und überschaubar.
Der einzige Grund, warum man sich tatsächlich den alten Film anschauen sollte, ist der, den verblüffenden Vergleich zum Remake zu ziehen. Ein solcher Vergleich ist wirklich interessant, denn normalerweise haben sowohl das Original als auch das Remake ihre Qualitäten; nur selten ist ein Remake überhaupt deutlich besser - meistens geht es eher um Märkte als um Verbesserungen.
Aber: Keine Regel ohne Ausnahmen. Das haben wohl auch Mitchum und Peck so gesehen, die im Remake in kleineren Rollen aufgetreten sind. Ich möchte aber nicht so weit gehen wie "Halliwell's Film Guide", der Thompsons Original als "mäßig spannendes B-Film-Stück" abklassifiziert; "B-Film" wäre meines Erachtens bei dem betagten Werk überzogen, man muss ihm die Zeit zugute halten. Zu Recht aber ist der alte Streifen nicht einmal in die Nähe von Preisen gekommen.
Wer sich einen Kauf der DVD überlegt, sollte sich auch die Doppel-DVD mal ansehen, bei der beide Filmversionen zur Verfügung stehen. Außerdem enthält diese Version ein exquisites Making-Of. Qualitätsfreunde und Sammler werden wohl auf die Blu-ray warten, die wohl angesichts der kürzlich erfolgten HD-Ausstrahlungen im TV nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen wird. Die Bildqualität des HD-Transfers ist außerordentlich gut, der Ton kommt in Dialogen klar und verständlich, allerdings mit leisem Hintergrundrauschen und gelegentlich knisternden Störungen. Musik ist, wie in alten Filmen üblich, oft deutlich verzerrt und übersteuert.
Im Original 105 Minuten, Format 1,85:1 auf 35 mm Film, S/W, Mono (IMDB)
film-jury 2* A0539 8.7.2011eg 10A Genre: Thriller