Auswanderer-Geschichten sind ja in letzter Zeit im deutschsprachigen TV in Mode gekommen. Interessant an diesem Buch ist, dass es über die üblichen Zutaten wie Umzugsstress, Abschiedstränen, Wohnungssuche und andere Eingewöhnungsschwierigkeiten weit hinausgeht. Erfreulich ist auch, dass die Autorin eine ordentliche Portion an Selbstironie hat und recht offen darlegt, dass sie wohl weder die ganz grosse Lebensplanerin ist aber eine Alles-muss-seine-Platz-haben-Frau - immer im Spagat zwischen "ein bisschen Deutsch bleiben" und doch den "Aussie Lifestyle" zu leben. Zu präsent scheint der typische Vorwurf an deutsche Einwanderer in Australien die ungeduldigen "Alles-Besserwisser" zu sein. Reizvoll ist, dass einem der typischen Australien-Klischee-Träume nachgespürt wird: Dem Luxus morgens vor der Arbeit und abends nach der Arbeit surfen zu gehen. Und der Frage ob ein "Traumleben" dann sich etwas blasser darstellt, wenn man dieses erst einmal erreicht hat. Interessant ist es mal eine Perspektive zu erfahren, die eben über die Backpacker-Brille hinaus geht. Die professionelle Schreibe macht das Buch umso lesenswerter und es verleitet dazu es in einem Zug zu "inhalieren".
Kleine Kostprobe aus dem Werk: "Sandrinde, Jasmin, Monique - Makler heißen in Sydney nicht nur, als wollten sie unbedingt für eine schlechte Vorabendserie gebucht werden. Sie liefen auch herum, als müssten sie später noch zur Oscar-Verleihung. Für ihren Namen konnte Ramona vermutlich nichts und Kleidung ist Geschmackssache, aber wir zwei hatten eindeutig ein Verständigungsproblem: "Hell, groß und mit Holzfußboden" so hatte die High-Heel-Prinzessin das Loch mit Mülleimer-Anschluss und verfilztem Teppich beschrieben. Dann hatte sie mit azurblau lackierten Fingernägeln den Schlüssel von einem der hundert Haken in ihrem Büro genommen und mir noch ein "You' ll love it" nachgeflötet. Nein, Ramona-Schatz I "love it" überhaupt nicht. Ich schlug die Tür zu, steckte den Schlüssel ein und schüttelte mich. Mein Kopf dröhnte, mir fehlte frische Luft und ein Kaffee. Genau, mehr Kaffee. Der vierten Wohnungsfolter an diesem sonnigen Freitag zum Trotz musste ich grinsen...."weil es in Sydney den besten Macchiato gibt". Diese Antwort war Junghülsings Standard auf die Frage, was sie denn nach Australien gezogen habe. Man sollte sich nicht mit dieser Antwort zufrieden geben sondern sich dieses höchst lesenswerte Werk einfach mal zu Gemüte führen. Dann wird man erst recht grinsen - des öfteren.
Was das Buch erstaunlicherweise gar nicht en Detail verrät ist, dass man Julia Jungehülsing auch im Internet gut begegnen kann. So erfährt man, dass ihre journalistische Laufbahn 1983 in Münster bei den Westfälischen Nachrichten begann. Im Buch gibt es auch den einen oder anderen Querverweis dazu. In Hamburg studierte sie anschließend Slavistik und arbeitete 15 Jahre lang als freie Autorin und Redakteurin. Seit 2001 lebt
sie als freie Journalistin in Sydney, einer Stadt, der sie in einer Brigitte-Kolumne 2002 eine fulminante, wenn auch nicht unkritische Liebeserklärung schrieb.
Man ist hocherfreut beim googeln festzustellen, dass Jungehülsing bloggt -also immer wieder kleine Schnipsel des australischen Alltag bei Weltreporter.net auch ins Netz stellt. Beispiel:
Und es gibt Julica Jungehülsing sogar ein Interview zum Buch zum Nachhören - auf SBS (sbs.com.au > Deutsche Sendungen), einem Sender der erfreulicherweise immer mehr seiner Berichte als MP3-Dateien zum Herunterladen anbietet.