Es ist ein Buch, das ich mir im Leben mehrmals zulegen musste. Eigentlich ist es kein Buch, sondern ein Büchlein: klein und sehr fein. Aber es enthält die besten, die schönsten Reimwerke deutscher Poesie. Zufall? Nein! Denn derjenige welcher als Herausgeber fungierte und somit die Macht der Auswahl in seinen Händen hatte, ist einer der größten Kenner auf den Gebieten der Literatur.
In seinem Nachwort, einem "Plädoyer in Sachen Lyrik", wirft er die theoretische Frage auf: brauchen wir Lyrik überhaupt? "Brauchen wir sie wirklich?"
"... die Lyrik ist eine höchst fragwürdige Gattung", wird da behauptet, "Anlass genug, vor ihr zu warnen. In der Prosa wird mit offnen Karten gespielt, in der Lyrik hingegen oft mit gezinkten." Einspruch, mein lieber Herr Gedichtefreund. Sie kennen wohl nicht das "Dichtung & Wahrheit" des hier Rezensierenden: "Kann man denn lügen im Gedicht? / Ich glaub' es nicht ..."
Schon Goethe war es, der schrieb: "Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit / Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit." - Doch unser Herausgeber des Gedichtbändchens läßt sich davon nicht beeindrucken. Er schreibt, dass bei der Lyrik "immer schon jene Unterschlupf" fanden, "die nichts zu sagen haben, doch unbedingt gehört werden möchten, die singen wollen, weil sie nicht denken können, die dichten müssen, weil ihnen das Schreiben unüberwindliche Schwierigkeiten bereitet." - Was soll man davon halten? "Kann man denn lügen im Gedicht? / Ich glaub' es nicht / denn ein wirklich guter Reim / kann nur Wahrheit sein."
Ein kleines Wunder, wie Marcel Reich-Ranicki - ich kann's nicht und nimmer mehr länger verschweigen - es bei dieser seiner Einstellung schaffte, eines der schönsten Kleinode im Bereich veröffentlichter Lyrik herauszugeben: das liebevollste Lyrikbändchen, das ich kenne?
Lügen im Gedicht: "Man kann zwar den Sachverhalt ironisch verdrehen. / Das darf man jedoch nicht als Lüge sehen."
Nicht lange, und man kommt ihm auf die Schliche. Seine Gedanken zu Beginn des Aufsatzes in "Plädoyer in Sachen Lyrik" sind eigentlich nur Fragen der rhetorischen Art.
Lügen im Gedicht: "Man braucht auch nicht alles ganz offen aufzudecken - / und darf darin ruhig ein Geheimnis verstecken. / Jedoch! Wer unwahr reimt kommt vor den Richter: / der ist ein Lügner und kein Dichter."
Immerhin betont Reich-Ranicki, "dass die Lyrik mitunter imstande ist, wenn auch nicht gleich die Welt zu verändern, so doch erträglicher zu machen." ... und: "Lyrik ist Lebensbejahung." ... und: "Das Gedicht ist die riskanteste, die schamloseste aller literarischen Formen." - Eine maßgebliche Betrachtungsweise, eine aus der Sicht des Dichters, lässt er allerdings vollkommen außen vor: die Frage nach dem Warum? Warum schreibt man Gedichte? Die Antwort: Weil es unheimlich viel Spaß macht, eine innere Befriedigung und Erfüllung gibt, es zu tun.
Vor mir liegt der von Marcel Reich-Ranicki herausgegebene kleine Gedichtband "Ein Jüngling liebt ein Mädchen". Im Jahre 2002 erschien dieses Buch (im Insel Verlag) - und ich habe mich gleich in es verliebt. Ohne Wenn und Aber kann ich es jedem Einsteiger in Sachen Lyrik nur empfehlen. Marcel Reich-Ranicki stellt darin seine deutschsprachigen zwanzig Lieblingsgedichte vor. Und es sind zweifellos zwanzig Perlen:
Unter der linden - von Walther von der Vogelweide
Zur Zeit seiner Verstoßung - von Paul Fleming ("Wie er wolle geküsset sein")
Rezensent - von Johann Wolfgang Goethe
Freudvoll und leidvoll - von Johann Wolfgang Goethe
Alles geben die Götter - von Johann Wolfgang Goethe
An die Parzen - von Friedrich Hölderlin
Ein Jüngling liebt ein Mädchen - von Heinrich Heine
Leise zieht durch mein Gemüt - von Heinrich Heine
Lied des Harfenmädchens - von Theodor Storm
Wenn die Rosen ewig blühten - von Friedrich Hebbel
Ein rundes, ein schönes Gedicht - von Richard Wagner
An meinem Fünfundsiebzigsten - von Theodor Fontane
In der Welt - von Paul Boldt
Danach - von Kurt Tucholsky
Erinnerung an Marie A. - von Bertold Brecht
Als ich nachher von dir ging - von Bertold Brecht
Wie sind wir beide vornehm - von Gustav Gründgens
Großstadtliebe - von Mascha Kaléko
Logos - von Erich Fried
Frist - von Günter Kunert
Wie denn, wo denn, was denn?, keines von Reich-Ranickis Liebling Erich Kästner mit dabei? - Über allen, allen voran, steht gleich mal das schönste der Gedichte: das wunderherrliche mittelhochdeutsche "Under der linden / an der heide, / da unser zweier bette was" ... von Walther von der Vogelweide. Da wäre zum zweiten Klärchens Lied aus "Egmont", mit seinen sinnigen Versen ... "Freundvoll / Und leidvoll / Gedankenvoll sein, / Langen / Und bangen / In schwebender Pein, / Himmelhoch jauchzend, / Zum Tode betrübt; / Glücklich allein / Ist die Seele, die liebt."
... von Johann Wolfgang Goethe. Für Reich-Ranicki ist es das schönste, das vollkommenste "erotische Gedicht in deutscher Sprache." Dem kann ich mich nur anschließen.
Das nächste meiner Lieblingsgedichte der Reich-Ranicki'schen Lieblingsgedichte ist das, welches dem vorliegenden Gedichtbändchen seinen Buchtitel gibt: Heinrich Heines "Ein Jüngling liebt ein Mädchen" ... "Die hat einen andern erwählt; / Der andre liebt eine andre, / Und hat sich mit dieser vermählt. // Das Mädchen heiratet aus Ärger / Den ersten besten Mann, / Der ihr in den Weg gelaufen; / Der Jüngling ist übel dran. // Es ist eine alte Geschichte, / Doch bleibt sie immer neu; / Und wem sie just passieret, / Dem bricht das Herz entzwei."
Marcel Reich-Ranicki sagt über den oftmals als Panerotiker bezeichneten Heine, dass man ihm gerne nachsage, "er sei der frivolste deutsche Dichter", doch laut Reich-Ranicki war er "in Wirklichkeit der diskreteste: So wissen wir über die erotischen Erlebnisse, die seinen Versen zugrunde lagen, so gut wie nichts. Zu den wenigen Ausnahmen gehört das Gedicht 'Ein Jüngling liebt ein Mädchen' aus dem 'Lyrischen Intermezzo'".
Das nächste Gedicht, gleich noch ein Heine, bedarf nach Reich-Ranicki nicht der "geringsten Erklärung. Es erzählt von einem Frühlingslied, das ins Weite hinausklingen möge" und und und ... "Leise zieht durch mein Gemüt" ... "Liebliches Geläute, / Klinge, kleines Frühlingslied, / Kling hinaus ins Weite. // Kling hinaus, bis an das Haus, / wo die Blumen sprießen, / Wenn du eine Rose schaust, / Sag, ich lass sie grüßen."
Reich-Ranicki: "Dreimal verwendet Heine in den acht Versen das Verbum 'klingen'. Das eben ist diese poetische Miniatur: Klang, Rhythmus und Melodie, es ist 'liebliches Geläute'. Nur liebliches Geläute, schwebend, anspruchslos und ein wenig konventionell? Eine hübsche Bagatelle also und nicht mehr?" ... Das Frühlingslied ist ein "Postillon d'Amour und die offenkundig zarte Botschaft, die überbracht werden soll."
Das nächste - meines Erachtens nach geniale - Gedicht stammt aus der Feder von Friedrich Hebbel: "Wenn die Rosen ewig blühten" ... "Die man nicht vom Stock gebrochen, / Würden sich die Mädchen hüten, / Wenn die Burschen nächtlich pochen. // Aber, da der Sturm vernichtet, / Was die Finger übrig ließen, / Fühlen sie sich nicht verpflichtet, / Ihre Kammern zu verschließen."
Laut Marcel Reich-Ranicki vertritt dieses Gedicht eine einfache These: Da das Leben "vergänglich ist, haben die Mädchen keine Bedenken, die Burschen in ihre Kammern einzulassen. Ob Hebbel dies für bedauerlich oder für empfehlenswert hält, verrät er uns nicht. Er sagt nur: So ist es."
Ob Reich-Ranicki Hebbels Zurückhaltung für bedauerlich oder für empfehlenswert hält, verrät er uns nicht. Er sagt nur: So ist es. - Ob ich Reich-Ranickis Zurückhaltung für bedauerlich oder für empfehlenswert halte, verrate ich nicht. Ich sage nur: So ist es.
Das letzte in der Reihe der schönsten der schönen Gedichte ist "Erinnerung an Marie A." von Bertold Brecht: "An jenem Tag im blauen Mond September / Still unter einem jungen Pflaumenbaum / Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe / In meinem Arm wie einen holden Traum. / Und über uns im schönen Sommerhimmel / War eine Wolke, die ich lange sah / Sie war sehr weiß und ungeheuer oben / Und als ich aufsah, war sie nimmer da." Soweit die erste von drei Strophen dieses herrlichen Gedichts. "So vergänglich die Liebe auch sein mag, sie verschwindet nun doch nicht ganz. Denn es bleibt die Erinnerung und vielleicht auch Dankbarkeit." (Marcel Reich-Ranicki)
Zu den anderen Werken: "Rezensent" ist kein Liebesgedicht, "Alles geben die Götter" ist kein Liebesgedicht, "An die Parzen" ist keines, auch nicht das "Lied des Harfenmädchens". Ebenso wenig sind "Ein rundes, ein schönes Gedicht", "An meinem Fünfundsiebzigsten", "In der Welt", "Wie sind wir beide vornehm" und "Logos" Liebesgedichte, beziehungsweise erotische Gedichte (wie Marcel Reich-Ranicki sie nennen würde).