Im zweiten Anlauf hat es doch noch geklappt und Neil Percival Young hat seine Autobiographie geschrieben, womit er in die Fußstapfen seines Vaters gestiegen ist, des Schriftstellers Scott Young. Den ersten Biographie-Anlauf
Shakey: Neil Young's Biography und vor allem "Sixty to zero" von Johnny Rogan
Neil Young: Zero to Sixty wird dieses Buch nicht ersetzen, beide Titel sind unbedingt empfehlenswert!
In "Ein Hippie-Traum" kommt erstmal der Unternehmer Neil Young zu Wort, wirbt mal wieder für Verbesserungen an den Tonträgern, für sauberere Autos und spricht über den Niedergang von Lionel, die inzwischen ihre Modelleisenbahnen nicht mehr in den USA, sondern in China produzieren. Mit seiner Begeisterung für Lionel hatte es Neil ja sogar zu einem Zitat in der TV-Serie The Sopranos gebracht.
Bald kommt das neue Album von Neil Young & Crazy Horse
Psychedelic Pill. Getourt wird vorerst in Nordamerika. Ein super Weihnachtsgeschenk wäre Teil 2 der Archives, aber bislang ist nichts in Sicht. Dafür kündigt Young "Homegrown" sowie weitere Projekte, wie etwa einen Roman an und ein Buch namens "Cars & Dogs". Letzteres ist vielleicht eher als Scherz gemeint.
Warum es in diesem Buch immer wieder schwarze Seiten gibt, habe ich nicht verstanden. Schön wäre ein Lesebändchen gewesen! Ich habe sie nicht gezählt, aber bei dem geschätzten zwei Dutzend Fotos sind echte Schätze dabei! Sehr willkommen wären ein Inhaltsverzeichnis und ein Register, da Young recht sprunghaft erzählt, wird es schwer gezielt etwas nachzuschlagen! Bei den Fotos fehlt leider die Klageschrift von Geffen für den Vorwurf "nicht Neil-Young-typische Musik aufzunehmen" - das würde ich mir so gerne rahmen!
Die Mutter, die seine Musik so sehr förderte wird ebenso gelobt wie der Vater.
Zum Sterben sei er noch nicht bereit, schreibt Young. Die Demenz seines Vaters und erste Anzeichen von Veränderungen in seinem Gehirn trieben den Kanadier offenbar dazu nun endlich seine Autobiographie zu veröffentlichen. Ohne Alkohol und Gras könne er sich nun auch viel besser konzentrieren, verrät er. Geschrieben ist das Buch dennoch eher wie seine Songs: Raus damit! Nicht ewig feilen, sondern den Moment einfangen! Es gibt lobende Wort für Stephen Stills, den er als seinen Bruder bezeichnet, manchmal wird es technisch und Young schwärmt von den Freuden etwas zu erschaffen. Viele Weggefährten sind bereits verstorben, das macht ihn nachdenklich. Überraschend offen wird über den Konsum von harten Drogen gesprochen. Immer und immer wieder wird der Verlust von Briggs bedauert, ein wesentlicher Mann im Schaffen Youngs.
Die Kapitel in diesem Buch sind kurz gehalten, manche tragen eine Überschrift: Etwa Ronald Reagan oder Religion.
In ihrem Buch hatte Astrid Young geschrieben, dass der Unterschied zwischen ihr und ihrem Bruder der wäre, dass sie in der realen Welt lebe. Neil bekennt in "Waging Heavy Peace", dass er sich schon mal als Auserwählten betrachtete, der die Welt mit seinen Schöpfungen beglücken sollte. Ironie nicht erkennbar und damit auch ein guter Hinweis darauf, wie sehr einen Ruhm, Erfolg und Aufmerksamkeit dazu bringen können in eine Scheinwelt zu entgleiten.
Der Kenner findet sich in diesem Buch in den verschiedensten Songs von Neil Young wieder, wenn es um Mort geht, hört man fast schon "Long may you run" im Ohr, "Harvest" erscheint nach dieser Lektüre ebenso wie "Tonight's the night" nicht unbedingt in neuem Licht, aber die Bindung wird durch Youngs Worte noch enger.
Drei Übersetzer waren offenbar notwendig, weil das Buch nahezu zeitgleich auf Englisch und Deutsch erschienen ist. Die englische Fassung werde ich noch lesen, an der Übersetzung irritiert bislang nur der deutsche Titel. Hippie-Dream war ja bislang nur ein bissiger Song über David Crosby. In Kapitel 32, in dem zum ersten Mal Nirvana erwähnt werden, hat sich mit "Autografenjäger" eine Übersetzung eingeschlichen, die besser Autogrammjäger lauten sollte, aber wirklich schlimm ist das nicht.
Die Sprunghaftigkeit, die Neil in diesem Buch an den Tag legt, mag nicht jedem zusagen. Sicherlich ist es nicht weltbewegend zu erfahren, dass er von seiner elektrischen Zahnbürste fasziniert ist. Profanes reiht sich hier an wichtige Details aus seinem Leben. Er selbst kommentiert das durchaus selbstironisch. Ein Neil Young verweigert sich eben nicht nur bei der kommerziellen Rockmusik, sondern auch beim Bücherschreiben!
Zweifellos die Sensation für Neil Young Fans: Der Meister spricht zu uns! Unbedingt lesen!
Weitere Bücher zum Thema: die Biographie von Scott Young
Neil and Me und Schwester Astrid Young
Being Young.
478 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Übersetzung: Stefanie Jacobs, Michael Kellner & Hans-Ulrich Möhring, s/w-Fotos, KiWi 2012