Eiswürfel und kaltes Herz
Ein Roman von Renate Dorrestein
Die Schlagzeilen unter Lokales oder Vermischtes: «Vater tötet Familie und dann sich selbst» «Mann und Kinder umgebracht Jüngster überlebt» gehören zum Alltag. Ein Stirnrunzeln, die flüchtige Ahnung eines jahrelangen Schreckens und Weiterblättern. Obwohl sie nur den Schluss eines verborgenen Geschehens markieren, werden solche archaischen Amoktaten Familientragödien genannt. Nur selten wagt sich die Literatur an diese antiken Stoffe heran. Die Schriftstellerin Renate Dorrestein ist bei ihren holländischen Lesern beliebt, weil sie den Mut und die Feinfühligkeit dafür aufbringt. Der vor zwei Jahren auf deutsch erschienene Roman «Was keiner sieht» war keine hohe, aber eine erschütternde und zugleich unprätentiöse Literatur, denn dort gelang es ihr, die Verstrickungen einfachster Menschen, von Kindern zumal, bis zur unausweichlichen Katastrophe subtil, wirkungsvoll und ohne jede Betulichkeit nachzuzeichnen.
Nun ist der Roman «Ein Herz von Stein» von denselben Übersetzern wieder kompetent übertragen worden mit einem Lapsus nur, wo «die biologische Uhr» jemand «das Heft aus der Hand nimmt» (!) und trägt bei den hiesigen Lesern die Hypothek des «zweiten Versuchs». War es vorher die Geschichte eines Missbrauchs, so ist es nun die bedrückend-unmerkliche Höllenfahrt eines glücklichen Paars und seiner heilen Familie in den Abgrund aus Verwirrung und Depression bis schliesslich ein Mädchen mit seinem Brüderchen im Keller kauert, während drei Geschwister mit Plastictüten über dem Kopf in der Küche, die Eltern vergiftet im Garten liegen. Das Mädchen ist die Erzählerin Ellen, die Jahrzehnte später ins Elternhaus, den Tatort, zieht. So erfahren wir nicht nur die Vor-, sondern auch die Nachgeschichte der Tat, die auf verschiedenen Zeitebenen allmählich eingekreist wird ähnlich einem psychologischen Prozess, der sich dem Trauma annähert.
Renate Dorresteins Stärke war immer die Präzision, die sie dem Unscheinbaren widmete. Und wenn nun die Beschreibung einer drückenden Wartezeit mit dem Satz auskommt: «Zwischen den schmelzenden Eiswürfeln in der Limonade trieben schon ein paar tote Wespen», kann der Leser erwarten, dass sich ihm die Tatsachen des Gefühls nüchtern und bestechend mitteilen. «Ein Herz von Stein» ist ein suggestives Buch. Während aus den Bruchstücken einer widerstrebenden Erinnerung die grausame Geschichte rekonstruiert wird, sind es die unspektakulären Details, die ins Auge springen:
Im Laufschritt kam sie auf ihn zu, in ihrer Schlaghose, geschneidert aus einer alten Jeans, von der sie die Seitennähte der Beine aufgeschnitten hatte, um dreieckige Stoffstücke mit kleinen Vergissmeinnicht darauf einzufügen. Sie kniete sich neben ihn und fasste ihn an seinen nackten Knien, die blass und wehrlos aussahen. Braungebrannt und voll schmutziger Schrammen hätten sie sein müssen. O Mann! Übergangslos begann ich leise zu weinen. Ein kleiner dreijähriger Junge mit makellosen Beinen, das war doch zum Verrücktwerden!
Der kleine Michiel hat einen Verbrennungsunfall erlitten, während seine Mutter zum fünftenmal schwanger ist. Die fröhliche, standfeste Margje will mit ihrem stillen Mann Frits sechs Kinder haben. Als nun auch das Baby krank wird, verfällt sie einer paranoiden Allmachtsvorstellung, die sich bis zu der religiösen Idee steigert, das unschuldige Kind, nein alle Kinder vor den Gefahren des Heranwachsens retten zu müssen.
Aus fürsorglicher Unterwerfung erstarrt die Familie in verkrampft-verrücktem Wohlverhalten, die Harmonie wird zum Wahnsystem, äusserlich zunehmend verwahrlost, innerlich von Schuld und Liebe zerfressen. Als die Situation sich plötzlich entspannt, ahnt der Leser, dass ein tödlicher Entschluss gefasst ist. Frits macht mit. Vor den Eltern sterben das Baby und die zwei halbwüchsigen Ältesten. Ellen, die während des Mordes ihren Hund ausführte und bei der Rückkehr den jüngeren Bruder rettete, wird später klar, dass sie in all der Aufregung «vergessen» wurde.
Das Verlassen-, also Vergessensein und die «Schuld» der Überlebenden, die Verfolgung durch die Toten und das von Wiederholungszwang gezeichnete Weiterleben Ellens sind das zweite Thema des Buches. Und hier zeigt sich leider, dass Dorresteins Können sich auf die Kinderperspektive beschränkt, deren naiv-registrierende, ausschnitthafte Oberflächenwahrnehmung der Vorgängerroman so erhellend zu nutzen versteht.
Je näher das Buch der Jetztzeit der Erwachsenen und damit seinem harmonischen Ende kommt, desto mehr lässt die Kunst der Andeutung nach, gefühlige Passagen und introspektive Erklärungen greifen Platz und bewirken das Gegenteil einen Überdruss an der «menschlichen Botschaft», die sich nun doch breitmacht. Zwar wird die zurückhaltende Erzählweise nicht ganz darunter verschüttet, doch die Nähe zum Trivialen enttäuscht spätestens, wenn das titelgebende Herz schmilzt: «In meiner Brust glüht der Fleck, auf dem immer Kühle geherrscht hatte, weil mein Herz dreiviertel meines Lebens versteinert gewesen ist . . .» Vielleicht rührt die erzählerische Schwäche auch daher, dass man nicht ungestraft das Entsetzliche schönredet. Eine Tragödie verträgt keine Versöhnung, nur die, dass sie erzählt wird.
Dorothea Dieckmann
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.