Wie kann man über etwas sprechen, wenn die Sprache versagt? Wie über etwas schreiben, etwas be-schreiben wenn es keine Worte gibt für das, was doch gesagt werden muß? Wie das Thema Holocaust in einem Buch verarbeiten? Das sind Fragen, denen sich der Protagonist des neuen Romans von Yann Martel stellt.
Der Protagonist Henry l'Hôte - genau wie der Autor selbst Autor eines internationalen Bestsellers - scheitert mit dem Versuch, dieses Buch zu schreiben. Verlage und Buchhändler wollen von seinem Projekt nichts hören.
Unter den vielen Leserzuschriften, die er Tag für Tag erhält, findet er eines Tages den merkwürdigen Brief eines Lesers, der ihm nicht nur die Fotokopie einer Flaubert-Erzählung sondern auch eine Dramenszene schickt, in der ein Affe namens Vergil einer Eselin namens Beatrice zu erklären versucht, was eine Birne ist, wie sie aussieht, riecht und schmeckt. Diese unvergeßliche kleine Szene, die so harmlos daherkommt, ist zugleich eine hochphilosophische Abhandlung darüber, wie wenig die Sprache in der Lage ist, die Wirklichkeit in Worte zu fassen.
Verwirrt und neugierig macht sich Henry auf dem Weg zu seinem unbekannten Leser und lernt so einen geheimnisvollen Tierpräparator kennen, einen Menschen, der das Andenken an tote Tiere dadurch bewahrt, daß er sie präpariert, und der sich von dem sprachgewandten Schriftsteller Hilfe beim Schreiben seines Theaterstücks erhofft.
Dieses Theaterstück ist einer der zentralen Handlungsstränge des Buches. Stück für Stück erfährt der Leser, welches grausame Schicksal Vergil und Beatrice erlitten haben, durch welche Hölle sie gegangen sind. Die Parallelen zu Dante sind nicht zu übersehen, aber man muß die Göttliche Komödie nicht kennen, um von der Geschichte gepackt zu werden. Es ist eine Geschichte von Verfolgung, Folter, Mord und vom Überleben "in den Greueln", wie Vergil und Beatrice es nennen, in einem Land namens "Hemd", einem gestreiften Hemd . . .
Der zweite zentrale Handlungsstrang ist die Beziehung zwischen Henry dem Schriftsteller und dem Tierpräparator, der ebenfalls Henry heißt, zwei Menschen, die - jeder auf seine Weise - über den Holocaust schreiben wollen. Eine Beziehung, die ein überraschendes Ende nimmt, das hier natürlich nicht verraten werden soll.
Am Ende schreibt Henry l'Hôte doch noch seinen Roman über den Holocaust: auf dreizehn Seiten. "Spiele für Gustav" heißt dieser Teil des Buchs, und jedes dieser "Spiele" läßt im Kopf des Lesers einen ganzen Roman entstehen, konfrontiert ihn mit der Frage :"Was hätte ich getan?"
Die letzte Seite, das "Spiel Nummer 13" ist leer. Manchmal gibt es einfach keine beredtere Sprache als die Sprachlosigkeit.
"Das Hemd des 20. Jahrhunderts" ist kein Wohlfühlbuch, es ist verstörend und unvergeßlich. Zur Lektüre dringend empfohlen!