Die geraubte Zeit ...
... wäre hier eine überzogene aber irgendwie doch angebrachte Überschrift um dem geneigten Leser dieser Rezension einen ersten Eindruck von meinem Eindruck nach Beendigung dieses Wälzers zu geben.
Wer die Highland-Saga von Diana Gabaldon liest, sollte nach 5 Bänden die jedes mal dicker wurden, wissen, worauf er sich einlässt. Nämlich auf eine detailverliebte Autorin, die ihre Leser auch nach 5 Bänden ausufernder Schilderungen, die zur Handlung oft herzlich wenig beitragen, noch immer bei Laune zu halten vermag.
In mir hat Frau Gabaldon allerdings eine Doofe gefunden, die sich auch Band 12 noch kaufen wird, als Gebundene Ausgabe, weil Neugierde und so. Dann wird mein Altenheim-Pfleger mir das Buch vermutlich vor die Nase halten müssen, denn vorausgesetzt meine Kalkulationen kommen hin, habe ich dann ein Buch mit 1789 Seiten in der Hand und - glauben Sie mir - die 1290 Seiten von "Ein Hauch von Schnee und Asche" waren schon extrem schwer handhabbar ... so im Bett, im Liegen. Eine falsche Bewegung, und man hat sich die Nase gebrochen, wenn das Buch aufs Gesicht fällt. - Hier ist also oberste Vorsicht geboten!
Okay, okay. Scherz beiseite - In Band 6 tauchen wir wieder tief in die interessante Familiengeschichte der Frasers ein. Wir erfahren ganz schön viel über neue Forschungen, die Claire (medizinisch) und Brianna (technisch) vorantreiben um das Leben des 18. Jahrhunderts ein kleines Stück erträglicher zu machen. - Aber manchmal frage ich mich, bei all der zuckersüßen romantischen Idylle die da auf Fraser's Ridge herrschen mag weil's mir ja ständig so geschildert wird ... Wozu, wollen die anfangen alles zu automatisieren und vereinfachen, wenn doch genug Personal da ist und wenn die sowieso nicht so den Freizeitstress haben wie unsereiner?! - Kein Fernsehen, kein Kino, kein Radio, kein Computer ... nur ab und zu zum Einkaufen oder Warentauschen in die Stadt, oder eine große Party bei der Tante unten im Tal. Da ist man doch froh, wenn man ein paar Eimer Wasser herumtragen darf, hm?
Bei aller Kritik (der Leserinnen) an dem immer noch ausgewogenen Liebesleben von Jamie und Claire, Roger und Brianna - ich kann's verstehen. Da läuft ja sonst nicht viel. Und wenn ständig einer verschollen, entführt oder sonst wo auf Reisen ist, dann ist das doch völlig verständlich. Wenn man bedenkt, dass der Gang ins Bordell lebensgefährlich ist, dann ist man doch gut bedient, mit einem eigen' Weib, das so schlecht nicht mal aussieht, hm?
Hin und wieder kommen diverse Milizrekruteure vorbei, oder man besucht halt die Freunde im Hinterland, die Indianer, nämlich. Oder man wird überfallen, entführt und vergewaltigt. Kann ja mal vorkommen. Selten genug trifft man den einen oder anderen Zeitreisenden oder ein paar sterbliche Überreste, wie z. B. einen Totenkopf mit Bleiblomben... ?! - Hä?! - Ja, es gibt ein paar Stellen in der Handlung, wo's tatsächlich ausgesprochen spannend wird - in Sachen Zeitreise, vor- und rückwärts und so! - und zumindest ich als Leser mir mehr erwarte; aber viel kommt dabei nicht herum. Da habe ich mir mehr erwartet. Hmpfm!, wie Jamie sich immer so schön klar ausdrückt.
Vor allem wartet man im Grunde genommen knapp 1300 Seiten lange, dass das passiert, was im Band zuvor als "Prophezeiung" gehandelt wird; nämlich auf den "großen Brand" auf Fraser's Ridge. Und darauf, dass Jamie und Claire darin nicht umkommen, wie's auch in dem Zeitungsausschnitt steht.
Ob sich das Warten auf das jähe Ende dann gelohnt hat, muss jeder für sich entscheiden. Für mich war das erste Drittel des Buches, zugegeben, eine sehr große Geduldsprobe. Dann irgendwann erst fand ich Ansporn genug, es tatsächlich schnell zu verschlingen. Der ganze Prozess hat sich - nur zur Erklärung - über ein Jahr hin gezogen.
Das letzte Drittel des "Schinkens" hat dann doch noch viel Freude beim Lesen eingebracht und all die Anfangsqualen sind wieder vergeben und vergessen.
Dass es nach "Schnee und Asche" mit der Highland-Saga weitergeht, steht wohl fest. Frau Apicula ist da mit Sicherheit wieder beim Ausgabetermin neugierig genug...
Demnächst gibt's übrigens das dritte Buch von Lord Johns Abenteuern ("Die Sünde der Brüder."). Kann man nicht jedem Fan von Claire und Jamie bedenkenlos empfehlen, ist aber ein netter Zeitvertreib bis zum nächsten Band!