Was wäre, wenn ein antiker griechischer Gott einen Zeitsprung in die 1990er Jahre machen würde? Der Gott, dem dies in Sten Nadolnys Roman passiert, ist Hermes, Götterbote, Sohn des Zeus, Gott der Kaufleute, der Diebe und der geraubten Küsse, Spötter, Schelm und Schürzenjäger. Nach zweitausend Jahren, die er angeschmiedet in einem Vulkankrater verbracht hat (wobei er etwas angekokelt wurde, weshalb seine Hautfarbe nun dunkel ist), endlich befreit, muß sich Hermes in der Welt der Gegenwart zurechtfinden - und ist empört. Kaum ein Mensch erinnert sich an den fröhlichen Quertreiber, weil alle viel zu sehr mit Arbeiten, Geldverdienen und technischem Fortschritt beschäftigt sind. In einer Welt der Terminkalender hat der Gott der Ausschweifung und des Müßiggangs nicht viel zu lachen. Wo in Talkshows Toleranz und Verständnis für jede Peinlichkeit und Perversität geheuchelt wird, kann der Verteidiger der Amoral nicht provozieren. Dennoch tut Hermes, Schamloser und Unberechenbarer, sein Bestes, um sich bei den Menschen wieder in Erinnerung zu bringen und ihnen 'hermetische' Eigenschaften wie Neugier, Mut, Frechheit und die Lust an der Veränderung wieder näher zu bringen. Nadolny haucht mit viel Erzählfreude und Laune den alten Götter und Göttinnen neues Leben ein. Mit des frechen Hermes Augen sehen wir unsere Welt - und sie gefällt uns gar nicht. „Ein Gott der Frechheit" knüpft an alte Sagen und Mythologien an und spinnt sie weiter. All die großartigen Gestalten, von denen wir höchstens noch die Namen, nicht aber die Geschichten kennen, werden mühelos in die Gegenwart verfrachtet. Apollo, Gott der Künste, jobbt als Medienberater, Donnergott Thor ist Profitennisspieler, Göttervater Zeus ist Freizeitgolfer wohnhaft in New Athens, Illinois, und Schmiedegott Hephäst regiert die technisierte Welt. Nadolnys Göttermärchen ist kurzweilig und überaus amüsant und überdies eine gelungene Satire auf den (post-)modernen Zeitgeist. Ein wahrhaft göttliches Lesevergnügen! (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)