Ich habe Nuala Gardners authentische Geschichte "Ein Freund names Henry" in zwei Tagen regelrecht verschlungen.
Die Freundschaft des autistischen Dale zu seinem Golden Retriever Henry hat mich fasziniert, zumal Dale erst durch Henry beginnt, mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten und nach und nach zu kommunizieren. Eine spannende Geschichte - ein Buch das einen mitfühlen lässt und berührt.
Dale legt durch Henry und vielfältige Förderung eine bemerkenswerte Entwicklung hin, so dass er irgendwann sogar eine Regelschule besuchen kann, Leiter einer Pfadfinder-Gruppe wird und als Berufswunsch "Erzieher" anstrebt. Soweit so gut...
Doch genau bei dieser wundersamen Entwicklung weg vom Autisten stiess ich in der Erzählung auch zwangsläufig auf die Frage: "Soll dieser Fall exemplarisch sein für die Entwicklungsmöglichkeiten eines Autisten oder nicht eher eine extreme, seltene Ausnahme darstellen - wie ein Wunder?". Was mich an der Geschichte stört, ist die permanente Selbstdarstellung der Mutter (und Autorin) als eine Art Heilige, die sich für ihren Sohn aufopfert, wie eine Löwin kämpft, ihm alle Fördermaßnahmen aufdrückt (Theater-Ferienprogramm, Knaben-Chor, Pfadfinden, kreative Malkurse, Mathe-Nachhilfe....)und somit ihren Lebensinhalt darin zu finden scheint, ihr autistisches Kind zu einem "normalen Kind" zu formen. Zumal ihr zweites Kind, eine Tochter auch autistisch ist und die Mutter sich voll auf die Förderung ihrer beiden Kinder konzentriert.
Dabei wird ständig hervorgehoben, mit wie viel Liebe, sie sich um ihren Sohn kümmert.
Im Buch wird immer wieder über alle Maßen betont, wie hart der Weg für sie war, aber auch wie toll ihr Sohn von all ihren wunderbaren Ideen und Fördermaßnahmen profitiert hat.
Für mich haftet dem ein etwas bitterer Nachgeschack an....als könnten alle Eltern eines autistischen Kindes, dieses aus seiner Behindungen befreien, wenn sie nur genug darum kämpfen und sich Mühe geben!
Ich halte das für einen großen Irrtum. Es gibt sicherlich Autisten, die in ihrer Welt nicht dermaßen extrem gefangen sind, dass sie es Schritt für Schritt schaffen, mit ihrer Umwelt in Kontakt zu treten und sich in unsere Gesellschaft und in ein "normales Alltagsleben" einfügen lernen. Und vielleicht kann auch für manche von Ihnen ein Hund wirklich eine Brücke bauen und sehr unterstützend wirken.
Aber es gibt bestimmt auch eine Menge Autisten, die trotz engagierter, liebevoller Eltern niemals solch eine Entwicklung wie Dale durchlaufen werden und die auch kein Hund aus ihrer eigenen Welt locken kann.
Ich hätte mir gewünscht, dass die Autorin darauf hinweist, dass Dales Entwicklung nicht nur ihrem Kampfgeist, ihrer großen Mutterliebe und all den Förderprogrammen zuzuschreiben ist, sondern dass sie einfach auch besonders viel Glück hatten, oder dass Dales Autismus evtl. vielleicht doch nicht so extrem ausgeprägt war?
Besonders dick aufgetragen fand ich den letzten Teil des Buches, in dem Dale rückblickend nochmals alle Schlüsselsituationen (die seine Mutter im Buch beschrieben hat) aus seiner Sicht erläutert. Und das in einem Stil, als hätte Mama ihm die Worte in den Mund gelegt u diktiert. Für mich war das dann doch zu viel den Guten. Unfassbar, wie Dale, auf einmal sein eigenes Verhalten reflektieren kann und sich an Situationen erinnert, die 15 Jahre zurück liegen, unglaublich wie empathisch er geworden ist, wie er seine Gefühle ausdrücken kann.... Er scheint so vernünftig geworden zu sein, dass man fast Angst vor dieser Super-Entwicklung bekommt und sich fragt, ob seine Mutter zum Happy End einfach noch ein bisschen Zuckerguss auf die Torte machen wollte oder der Junge wirklich inzwischen keine Macken, keine Fehler mehr hat. Für meinen Geschmack wird hier einfach zu viel Perfektion angestrebt und verwirklicht.
Aber ich möchte nicht an der Authentizität der Geschichte zweifeln - dennoch hätte mir die Erzählung noch besser gefallen, wenn Dale und seine Mutter mit mehr Ecken und Kanten geschildert worden wären. Das hätte das Wundersame relativiert.
Trotzdem: Kaufempfehlung - das Buch regt zum Nachdenken an!