Aus der Amazon.de-Redaktion
Wir schreiben das Jahr 2025. Tyrone O'Shaughnessy Tierwater, kurz Ty genannt, hat ein bewegtes Leben hinter sich. In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gehörten er, seine zweite Frau Andrea sowie Tochter Sierra zu der Sorte radikaler Umweltschützer, die sich schon mal mit den Füßen als lebende Straßenblockade einbetonierten, um einen tausendjährigen Mammutbaum vorm finalen Axthieb zu schützen (die Schilderung dieser Aktion, inklusive Windeleinsatz, ist eine einzige Slapstick-Orgie).
Inzwischen ist Ty fünfundsiebzig und reichlich desillusioniert. Frau und Tochter hat er seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen, Umweltschutz hat sich mangels Umwelt auch erledigt. Sein Broterwerb wird durch die Marotte eines superreichen Popstars gesichert, die Pflege einer Privatmenagerie vom Aussterben bedrohter Viecher mit anheimelnden Namen wie Schabrackenhyäne, Patagonischer Fuchs und Warzenschwein. In diesem eher düsteren Lebensabschnitt taucht aus heiterem Himmel Andrea mit einem Spezialauftrag bei ihm auf. Schlagartig holt den armen Ty seine geheimnisvolle Vergangenheit wieder ein!
Mit seiner schrill-apokalyptischen Tierwater'schen Tier- und Pflanzenkunde haut uns T. C. Boyle in einer Mixtur aus giftigstem Galgenhumor, Endzeit-'Grunge' und Ökothriller unsere gesammelten Umweltsünden um die Ohren und entwirft gleichzeitig ein Schreckensszenario, welches durchaus nicht mehr unrealistisch scheint. Großartig! --Ravi Unger
Neue Zürcher Zeitung
T. C. Boyle rechnet mit Umweltsündern und -schützern ab
Eine nette Lektüre bei gemischten Gefühlen? T. C. Boyles Ökoaktivisten-Epos «Ein Freund der Erde» ist wohl eher ein weniger gelungenes Buch, wenn man strenge literaturkritische Massstäbe anlegt, doch ohne Zweifel ist es auch ein äusserst aktuelles Werk. Wie lässt sich nun aber das eine die etwas eindimensional geratene Auseinandersetzung mit den Bizarrerien radikalökologischer Sektierer mit dem anderen dem engagierten Auspinseln katastrophaler Klima- und Lebensbedingungen in naher Zukunft verrechnen? Hat das eine mit dem anderen ursächlich zu tun? Und wenn ja, was ist dann wichtiger der «Sitz im Leben» oder eine ästhetische Theorie?
Denn dass die Menschheit den gesamten Globus in ein einziges grosses Reagenzglas verwandelt hat, ist nichts Neues also ist es per se noch kein Verdienst, einmal mehr darauf hinzuweisen. Und dass der Weltuntergang, wenn er denn stattfinden wird, nicht nach ästhetischen Kriterien bewertet werden kann, ist daher auch keine Rechtfertigung für schwache Literatur im Gegenzug aber auch kein Argument für krittelnde Schöngeisterei.
Probieren wir es also mit der Geschichte von Ty Tierwater, der in den achtziger Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts vom haltlosen Unternehmerssohn und -erben zum überkompensierenden Ökoterroristen mutiert; der sich um einer Frau willen einer Bewegung anschliesst, die «Earth Forever» heisst, und daraufhin dieser Idee sein Vermögen opfert. Er unternimmt eine stattliche Anzahl erstaunlich kontraproduktiver Aktionen gegen das Abholzen der Wälder, bei denen er nicht nur nichts bewirkt, sondern alles immer nur schlimmer macht: So fackelt er nicht nur den Maschinenpark von Waldarbeitern ab, sondern verursacht zugleich einen regelrechten Waldbrand; verliert das Sorgerecht für seine halbwüchsige Tochter, weil er sie juristisch gesehen zu kriminellen Handlungen verleitet; und landet im Gefängnis, während die Bewegung sich von ihm distanziert, weil er dem hehren Ziel in der Öffentlichkeit allzu viel Schaden zugefügt hat.
Mehr als dreissig Jahre später, im Kalifornien des Jahres 2025, hütet er als mittlerweile 75-jähriger verkrachter Altfreak den Privatzoo eines ältlichen Popstars. In dessen Käfigen und auf dessen Anwesen leben die letzten verbliebenen exotischen Tiere Hyänen, Ameisenbären, Löwen und seltene Fuchsarten während ringsumher die Wälder abgestorben sind, Kalifornien im Dauerregen versinkt und eine «Extremgrippe» jene 61 Millionen Menschen bedroht, die in dieser Ecke der USA ohne Krankenversicherung und ohne funktionsfähige Infrastruktur zusammengepfercht sind ein Horrorszenario, phantasievoll ausgeschmückt, mit viel Sarkasmus angereichert und konsequent dem Untergang geweiht.
Dieses Kalifornien ist im Prinzip eine Fortschreibung der letzten Seiten von Boyles Roman «America» (1995, deutsch 1996), vielleicht auch die Bebilderung der spektakulären Thesen des Stadtsoziologen Mike Davis. Darin steckt wahrscheinlich mehr als nur ein Körnchen Wahrheit und dennoch bleibt ein fader Nachgeschmack, weil man vielleicht doch anderes erwartet haben dürfte als nur die Ausgestaltung populärer Phantasien und Ängste.
T. C. Boyle macht es sich diesmal wohl zu leicht. Auch «America» war ein Schmöker, aber einer, der ökologische und soziale Fragen von vielen Seiten her beleuchtete. «Ein Freund der Erde» ist dagegen eine relativ schlichte Farce über den Niedergang von ein paar gottverlassenen Spinnern, die glaubt man diesem Roman mit guten Absichten und schwachen Psychen das Wohl von «Mutter Erde» erkämpfen wollten. Man wird das Gefühl nicht los, dass hier einer beim Erzählen abrechnet umso mehr, wenn ganz am Ende die Rettung ins geradezu kleinbürgerlich Private steht und dem alten Ty inmitten umgestürzter Bäume und an der Seite seiner Ex-Frau endlich Ruhe zuteil wird. Da wächst ganz unverhofft sogar wieder ein frisches Grün zwischen den modernden Stämmen (so ähnlich wie auf dem Grab von Gottfried Kellers «Grünem Heinrich», erste Fassung) Ty Tierwater lebt fort als romantisch gescheiterter Rentner, und die Natur richtet von allein, was Menschenhand noch nie in Ordnung halten konnte.
Bei dieser Wendung der Dinge stehen naturgemäss dem kritisch-theoretisch geschulten Rezensenten die Haare zu Berge denn wenn es um etwas so Desaströses wie den ökologischen Kollaps geht, kann doch eigentlich nur die äusserste Adorno'sche Negativität dem Thema gerecht werden, oder? Will sagen: Man muss nur wollen, dann lässt sich dieses Buch zügig und routiniert erledigen. Die bekannten Bilder von den Massengräbern und den Scheiterhaufen für unsere Haustiere sind schliesslich noch viel schrecklicher und stammen zudem direkt aus der sogenannten Wirklichkeit.
Mag sein aber über kurz oder lang werden diese Zivilisationsopfer ihren Nachrichtenwert verlieren, und dann werden wir wohl auch bald wieder mit aller Sorglosigkeit die Fleischtruhen im Supermarkt inspizieren. Währenddessen aber werden die USA das Klimaprotokoll von Kyoto ausser acht gelassen haben, und auch andere Industriestaaten, etwa die Bundesrepublik, werden in absehbarer Zeit die dort definierten Umweltziele nicht verwirklichen. An den Folgen wird dann nicht nur die ästhetische Theorie irgendwann zu knabbern haben, und deshalb sollte man Ty Tierwater und auch seinem Schöpfer T. C. Boyle «trotz allem» eines zugute halten: Sie haben zumindest etwas riskiert.
Michael Schmitt
