Etwas ratlos sitze ich hier nach Beendigung dieses Buches und weiß noch immer nicht so recht, was ich davon halten soll. Nach der Lektüre der Apfelpflückerin waren meine Erwartungen hoch an den neuen Roman von Lynn Austin. Leider muss ich sagen, dass ich eher enttäuscht bin. Ich hatte einen Roman mit Tiefgang erwartet, der mir nicht nur das Lebensschicksal der eigentlichen Protagonistin näher bringt, sondern auch wieder die Lebensgeschichten anderer Beteiligter - Mütter, Schwestern Tanten - in einem separaten Strang erzählt. Lynn Austin weicht im vorliegenden Buch völlig von dieser bisherigen Erzählweise ab. Es gibt zwar auch hier wieder Rückblicke in das Leben anderer, jedoch sind diese nur sehr kurz gehalten und werden eher am Rande erzählt. Am Ende verbinden sich die einzelnen Geschichten zwar zu einem runden Bild, aber es bleibt der fahle Geschmack zurück, hier eher leichte Unterhaltung als wirklichen Tiefgang genossen zu haben.
Austins Erzählstil und vor allem ihre Hauptfigur erinnerten mich frappant an die Bücher von Deanne Gist. An sich ja nichts schlechtes, denn auch diese Romane mag ich sehr, aber von Lynn Austin erwarte ich einfach keine Oberflächlichkeit, wie ich sie hier vorgefunden habe. Austins Protagonistin Violet nervt über große Teile der Geschichte hinweg mit ihrer Naivität und ihrer sich immer wiederholenden Suche nach ihrem ganz persönlichen Weg im Leben. Manchmal fragt man sich, ob jemand wirklich so blauäugig durchs Leben laufen kann. Der Reifungsprozess setzt erst auf den letzten 100 Seiten ein und bis dahin quält man sich durch Teeparties, Frauenrechtsdemonstrationen und Besuche in den Elendsvierteln von Chicago. Gerade bei den beiden letztgenannten Punkten schafft es die Autorin nicht, deren einschneidende Bedeutung dem Leser nahe zu bringen, da Violet eigentlich nur ein Ziel hat: beidem so schnell wie möglich zu entkommen und sich so wenig wie möglich damit zu befassen.
Auch Austins christliche Botschaft, die sonst immer deutlich oder zwischen den Zeilen herauszulesen ist, kommt hier in diesem Buch erst relativ spät zum Tragen. Statt dessen zeigt sie anhand des angehenden Predigers Louis, wie man sie am Besten nicht vermitteln sollte, nämlich belehrend und überheblich.
Bei der Stange gehalten hat mich eigentlich nur Violets Versuch, ein altes Familiengeheimnis um Ihre Mutter zu lüften. Ich war neugierig, was sie am Ende aufdecken würde.
Schade um die verschenkten Möglichkeiten. Ich hoffe, dass Lynn Austin in ihrem nächsten Buch zu alter Form zurückfindet und dann wieder mit der Tiefe erzählt, die mich in der Apfelpflückerin so berührt hat.