Als "kleiner Roman" wird dieses Werk präsentiert, doch es bietet immerhin ein fünfstündiges Hörerlebnis, in dem sich zwischen den Protagonisten und einigen weiteren Figuren höchst komplexe Beziehungen entwickeln.
Typisch für 'echov sind seine Darstellungen der bürgerlichen Lebenswelt des Russlands seiner Zeit, der letzten Jahrzehnte des Zarenreiches. Auch in "Ein Duell" wird die Gesellschaft kritisch portraitiert, freilich anhand extrem anmutender Charaktere. Zwischen den beiden Antipoden von Koren und Laevskij, dem Sozialdarwinisten, der von der Heranzucht einer Menschheit träumt, in der jeder seine Aufgaben optimal erfüllt, und dem Schmarotzer auf Kosten der Gesellschaft, stehen der gemeinsame Freund und Arzt, ein gutmütiger Kerl, ein Diakon, der nicht recht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll, Nade¸da, tendenziell nymphoman, die vom Polizeichef der Stadt um Liebesdienste erpresst wird, und andere mit spitzer Feder gezeichnete Figuren. Außer mit dem polterig-liebevollen Arzt dürften die meisten Leser mit keinem der Charaktere recht warm werden, was 'echov freilich beabsichtigt.
Die Handlung entwickelt sich zunächst etwas schleppend und wird gelegentlich ziemlich breit ausgewalzt. Erst nach einiger Zeit kommt gewissermaßen Fahrt auf, und schließlich entwickelt sich die Geschichte fulminant und vielschichtig zum kurz vor Schluss angesiedelten Höhe- und Wendepunkt hin: dem Duell.
Ulrich Matthes versteht es vorzüglich, 'echovs kleinen Roman als packendes Hörbuch zu präsentieren. Er liest nicht einfach vor, sondern schlüpft stimmlich ganz exzellent in die verschiedenen Rollen und lässt alle Figuren lebendig werden, verleiht ihnen Eigenheiten und wirkt dabei doch nie manieriert. So wird das Zuhören trotz der erwähnten anfänglichen Gemächlichkeit der Textvorlage an keiner Stelle langweilig.
Ein interessantes Stück Weltliteratur in einer ausgezeichneten, hochwertig aufgemachten Hörbuchedition!