Nein, ein überragender Erzähler und schriftstellerisches Ausnahmetalent ist er nicht, der Herr Ghantus. So fehlt es an allen Ecken und Kanten an sprachlichem Feinschliff und einem dramaturgischen "Roten Faden", was in erster Linie dem Lektorat anzulasten sein dürfte. Aber der Autor ist ja auch nicht angetreten, um den Literaturnobelpreis einzuheimsen, sondern um den interessierten Leser an dem teilhaben zu lassen, was er in langen Berufsjahren hat erleben können. Und das berichtet er so, wie er spricht: konzentriert, auf das Wesentliche beschränkt und ziemlich dröge. Hier und da schimmert etwas Humor durch, aber die sachlich-nüchterne Berichtsebene verlässt er so gut wie nie, Privates findet selten statt. So erfährt man Einiges über illustre Persönlichkeiten, über die unterschiedlichen Facetten des Dolmetschens, über einschneidende gesellschaftspolitische Veränderungen, aber kaum etwas über den Menschen Ghantus. Das mag hier und da auf wenig Gegenliebe stoßen - mir hat sie jedoch gefallen, diese besondere Mischung, die sich deutlich von dem abhebt, was das Genre "Autobiographie" ansonsten üblicherweise vorhält. Und die auf jeder Seite erkennen lässt, dass der Verfasser spricht. Und kein Ghostwriter. Da ich das Vergnügen hatte, Herrn Ghantus persönlich kennenzulernen, darf ich ergänzen: Wer sich bis ins hohe Alter eine solche Kreativität und Lebensfreude bewahrt, darf stolz auf sich sein.