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Für Brahms als Protestanten kam die Vertonung des lateinischen Textes der traditionellen katholischen Liturgie nicht in Frage; besonders mit den Schrecken des Jüngsten Gerichts, wie sie in der damals noch zur Totenmesse gehörenden Sequenz "Dies irae, dies illa" zum Ausdruck kommen, hatte er nichts im Sinn. Vielmehr wollte er "ein menschliches Requiem zum Trost für die Lebenden" komponieren und bediente sich dafür einer Zusammenstellung verschiedener Bibelstellen aus dem Alten und Neuen Testament.
Das anspruchsvolle Werk offenbart schnell Schwächen und Stärken des ausführenden Ensembles, und besonders das erst nachträglich hinzugefügte Sopransolo fordert von der Sängerin gute Nerven und perfekte Beherrschung der Stimme. Im vorliegenden Konzertmitschnitt von 1992 bewältigt Cheryl Studer ihre Partie mit Anstand und vielen schönen Passagen, doch ihre Stimme lässt schon deutliche Spuren des Verschleißes erkennen: Recht eng und wenig klar in den Vokalen ist gleich die erste, ungemein schwere Phrase, und in der Folge sind es vor allem Töne in der höheren Lage, die nicht recht aufgehen wollen. Ihre Interpretation ist etwa vergleichbar mit derjenigen von Margaret Price unter Sawallisch im Jahre 1983: Herrliche Momente vor allem im Forte, aber kaum ein gut sitzender Vokal im Piano. Wer hören will, wieviel Lockerheit und stimmliche Präsenz in der Übergangs- und Mittellage möglich sind, der höre beispielsweise Edith Mathis unter Daniel Barenboim.
Ausgesprochen überzeugend und reich an nuancierter Gestaltung meistert hingegen Andreas Schmidt die Baritonpartie. Er verfügt über mehr Farben und größere Offenheit als Thomas Allen in der erwähnten Sawallisch-Aufnahme. Besonders im dritten Satz "Herr, lehre doch mich" versteht Schmidt es, den Hörer durch differenziertes Gestalten auf der Basis problemloser Technik zu erfreuen.
Der Schwedische Rundfunkchor, unterstützt vom Eric-Ericson-Kammerchor, kann sich beglückender Klangschönheit rühmen. Die Kantilenen im letzten Satz "Selig sind die Toten" sind gleichzeitig kraftvoll und warm. Auch im Piano ist die Intonationssicherheit in heiklen Lagen immer gewährleistet, wie etwa der zentrale vierte Satz "Wie lieblich sind deine Wohnungen" beweist, und zupackende Energie ohne Forcieren macht die Qualität solcher Passagen wie "Tod, wo ist dein Stachel" oder "Denn alles Fleisch, es ist wie Gras" aus. Claudio Abbado gestaltet die Partitur effektvoll und packend mit souveräner Meisterschaft. Insgesamt und im Vergleich mit anderen Einspielungen eine unbedingt empfehlenswerte Aufnahme. Michael Wersin
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