Würde man auf Anhieb darauf kommen, dass Karajan, der große Meister des Aufnahmestudios, kaum ein Werk, nicht einmal "seine" Beethoven-Symphonien, so häufig eingespielt hat wie das Brahms-Requiem? Es sind insgesamt vier Studioaufnahmen(!), je zwei für die Deutsche Grammophon und die EMI, und während sich die drei späteren nur marginal unterscheiden, was Tempi und Interpretation angeht, ist diese völlig anders:
Statt weihevoller Langeweile herrscht hier ein geradezu weltliches Feuer vor. Manches mag hier zu irdisch und frisch wirken, nicht ganz von Brahms'scher Frömmigkeit und Innigkeit durchdrungen - spannend ist es allemal.
Dazu tragen auch die Solisten bei: Der sonst so ernste Hans Hotter singt sein Solo mit fast zorniger Heftigkeit, die blutjunge Elisabeth Schwarzkopf mit - von ihr ganz ungewohnter - mädchenhafter Einfachheit.
Der Chor ist wie bei allen anderen Karajan-Aufnahmen geistlicher Musik der Wiener Singverein, bestimmt nicht mein Lieblingschor. Aber hier singt er mit erheblich mehr Temperament als sonst, sauberer, präziser und verständlicher. Das ist nicht perfekt, aber ordentlich, und angesichts der übrigen Qualitäten dieser Aufnahme sieht man über die vorhandenen Mängel gern hinweg.
Fazit: Keine überragende, keine allgemein gültige, aber eine sehr spannende Einspielung des Brahms-Requiems - und damit das Gegenteil aller späteren Karajan-Aufnahmen dieses Stücks.