Herbert von Karajan (1908-1989) liebte zeitlebens die großen geistlichen Chorwerke der Klassik und hat sie immer wieder auf seine Konzertprogramme gesetzt.
Auch "Ein deutsches Requiem" von Johannes Brahms stand bei dem Dirigenten hoch im Kurs. Schon in seiner Zeit als Generalmusikdirektor in Aachen (1934-1942) hatte er es in seinem Repertoire, und seine erste Aufnahme machte er 1947 in Wien mit den dortigen Philharmonikern und dem Wiener Singverein sowie den Solisten Elisabeth Schwarzkopf und Hans Hotter (EMI). Diese Produktion zählt zu den raren "Klassikern" des Werkes.
Im Mai 1964 gastierten die Berliner Philharmoniker bei den Wiener Festwochen, und Karajan nutzte die Gelegenheit zur hier von der DGG wieder vorgelegten Aufnahme. Diese wurde damals von der Kritik, die dem Dirigenten ja nicht unbedingt freundlich gesonnen war, überwiegend positiv beurteilt und im Jahr 1965 auch mit dem begehrten "Grand Prix du Disque" ausgezeichnet.
Das kann man noch heute, mehr als 40 Jahre später, durchaus nachvollziehen. Die Berliner Philharmoniker präsentieren sich in Bestform, und der Wiener Singverein, zu dem Karajan eine lebenslange gute Beziehung hatte, macht seine Sache gut. Sein Vortrag ist sauber und flexibel, einige leichte Schwächen, vor allem im Sopran, fallen nicht sonderlich ins Gewicht, nur die Textdeutlichkeit scheint mir nicht optimal zu sein. Das ist aber wohl mehr der Technik als den Mitwirkenden anzulasten.
Gundula Janowitz singt das Sopransolo "Ihr habt nun Traurigkeit" mit gewohnter Innigkeit, ihr Vortrag ist von geradezu überirdischer Schönheit. Ihre engelgleichen Töne rühren Herz und Verstand. Der Wiener Bariton Eberhard Waechter ist ebenfalls eine gute Besetzung, kann allerdings seinen Kollegen Dietrich Fischer-Dieskau (bei Kempe und Klemperer, beide EMI) nicht ganz vergessen machen.
So ist eine Aufnahme zustandegekommen, die noch heute zu den schönsten auf dem Markt befindlichen zu zählen ist. Sie erreicht nicht ganz die legendären Produktionen mit Bruno Walter (Sony, 1954), Rudolf Kempe (EMI, 1955) und Otto Klemperer (EMI, 1961), kann aber neben so hochkarätigen wie denen von Ansermet (Decca), Maazel (Sony) und Solti (Decca) mühelos bestehen. Auf jeden Fall übertrifft sie Karajans eigenes Remake von 1976 (EMI, mit Anna Tomowa-Sintow und José van Dam) in jeder Hinsicht deutlich.
Klangtechnisch sind einige kleine Mängel vorhanden, die weiter oben bereits gestreift wurden. Sie betreffen in erster Linie die chorische Seite, während Solisten und Orchester klangtreu und in bestem Stereoton wiedergegeben sind. Die DGG hat ein schön bebildertes Textheft beigefügt. Es enthält neben einem wertvollen Essay von Helge Grünewald auch den vollständigen Text des Werkes mit französisch/englischer Übersetzung. Eine würdige Ausgabe in der verdienstvollen "The Originals"-Serie.