... wollte Brahms sein Werk am Liebsten nennen. Er hat sich dann aber doch nicht zu diesem bekenntnishaften Titel durchringen können - "PR"-Gründe mögen eine Rolle gespielt haben.
Rattle trifft diesen menschlichen Ton sehr gut. Er wählt durchweg recht gemessene Tempi, was ihm und seinem phänomenalen Ensemble die Zeit und den Atem gibt, die verschiedenen von Brahms musikalisch gezeichneten Emotionen des trauernden Menschen kongenial einzufangen. Gerade im zentralen Satz, dem vierten ("Wie lieblich sind Deine Wohnungen"), gelingt es ihm, eine nahezu idyllische Stimmung zu erzeugen, zu der das Orchester fast schon serenadenhafte Klangfarben beisteuert.
Rattle wählt für sein Requiem insgesamt sehr dunkle Klangfarben. Diese werden auch durch die üblichen Knalleffekt-Stellen im zweiten und sechsten Satz kaum durchbrochen. Bemerkenswert die Orgelpunkt-"Coda" im dritten Satz, in der Chor und die hohen Orchesterstimmen von dem "Brodeln" der tiefen Register getragen werden.
Ein besonderes Lob verdient der Chor, der Rundfunkchor Berlin. Er produziert einen weichen und vollen Klang, der immer durchhörbar bleibt. Nie leidet der Gesamtklang, auch nicht in den massiven Fortissimo-Passagen. Nie wird eine der Stimmen zugedeckt, selbst nicht der Bass, der in anderen Einspielungen häufig im Orchesterklag untergeht oder aber versucht, dieses zu übertönen.
Thomas Quasthoff lässt seine sängerische und interpretatorische Autorität spielen. Ganz frisch wirkte seine Stimme an manchen Stellen indes nicht.
Wenn ich einen besonderen Höhepunkt herausheben müsste, wäre es der fünfte Satz ("Ihr habt nun Traurigkeit"). Dorothea Röschmann meistert die unangenehme Partie mit frei fließender Stimme und auch in hohen Lagen fast an einen Mezzosopran gemahnender Intensität. Bei Röschmann und Rattle ist dieser Satz kein intimes Intermezzo sondern tröstender Kommentar zur Gefühlslage des trauernden Menschen, analog zum dritten Satz ("Herr, lehre doch mich").
So gelingt es Rattle, ein musikalisches Gleichgewicht zwischen dem Menschen (dem Chor) und dem Göttlichen (den Solisten) herzustellen, wie es mir bislang in keiner anderen Aufnahme untergekommen ist. Definitiv ein Kauftipp!