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Kleine Prosa von Marina Zwetajewa
Als sich die russische Lyrikerin Marina Zwetajewa in den dreissiger Jahren verstärkt der Prosa zuwandte, hatte das weniger mit echter Neigung als vielmehr mit Zeit und Geld zu tun. «Gedichte schreibe ich fast keine, und zwar deshalb: Ich kann mich nicht mit einem Gedicht begnügen, sie bilden bei mir Familien, Zyklen, so wie ein Trichter, ein Wasserstrudel, in den ich gerate, folglich ist es auch eine Frage der Zeit», schreibt sie 1934 an eine Freundin. Zwetajewa lebt im Pariser Exil unter ärmlichsten Verhältnissen und muss sich der ökonomischen Vernunft beugen. So verfasst sie Prosa, autobiographische und poetologische Essays, die sich schneller schreiben und besser verkaufen als die Gedichte Dinge, die die Dichterin ungeduldig auf ihren Platz verweist: «Natürlich ist es lyrische Prosa, dennoch kommt sie nach den Gedichten.» Es sind ungestüme, poetische Texte, kleine Kunstwerke, die in Stil und Duktus unverwechselbar in Zwetajewas Lyrik wurzeln.
Zu den eindrücklichsten dieser Prosastücke gehören die Erinnerungen an Dichterkollegen, von denen zwei in dem von Ilma Rakusa übersetzten Band «Ein Abend nicht von dieser Welt» vorgestellt werden. Der erste Essay gilt dem Freund und Mentor Maximilian Woloschin, der im August 1932 in Koktebel auf der Krim starb. Dem Schmerz über die Nachricht setzt Zwetajewa ein Aufbegehren gegen deren Inhalt entgegen: Sie verfasst die «Erinnerungen an einen Lebenden», in denen sie Facetten all dessen zusammenfügt, was der Dichter und Maler für sie bedeutete. Ihm verdankte sie ihre erste literarische Anerkennung, er hatte sie in die Moskauer Literatenkreise eingeführt. Sein Haus in Koktebel, einer Art Künstlerkolonie, war in den frühen zehner Jahren zum Fixpunkt ihres Lebens geworden, dort hatte sie auch ihren Mann, Sergei Efron, kennengelernt. Mit leidenschaftlicher Intensität evoziert Zwetajewa Begegnungen und Gespräche mit Woloschin, sein Äusseres, seinen Charakter, seine Umgebung, sein Werk. Dabei spielt es für sie keine Rolle, dass der Kontakt infolge von Revolution und Emigration seit langem abgebrochen war: «Die Zeit zählt nicht: das ist mein ganzes Verhältnis zur Zeit», hatte sie 1923 geschrieben an Woloschin. Vielleicht treten in der Einsamkeit des Exils die Konturen der Vergangenheit auch schärfer hervor.
Marina Zwetajewas Text ist weit mehr als die Reverenz der Dichterin an einen Kollegen. Es ist die magische Beschwörung der Atmosphäre ihrer Jugend und untrennbar damit verbunden der Person Woloschins: «Heute erzähle ich über ihn genauso, wie ich gestern über ihn erzählte, das heisst mit lebendiger Liebe.» Assoziativ und emotional schreibt sie sich ihren Woloschin herbei, vergegenwärtigt ihn, wie sie ihn erinnert: «eine suggestive Vision, die einer Projektion nahekommt», schreibt Ilma Rakusa im Nachwort.
Eine Projektion ist auch der zweite Essay über den Dichter Michail Kusmin, den Zwetajewa nur flüchtig kannte. Als sie im März 1936 von dessen Tod erfährt, entwirft sie sogleich ihren eigenen Kusmin sie ruft die einzige persönliche Begegnung mit dem Dichter auf, die sie als einen «Abend nicht von dieser Welt» erlebt hat (und spielt damit wohl auch auf Kusmins Gedichtband «Abende nicht von dieser Welt» an). «Anfang Januar 1916, Anfang des letzten Jahres der alten Welt. Der Krieg auf dem Höhepunkt. Dunkle Kräfte.» In Petersburg findet eine Dichterlesung statt, hochkarätig besetzt, «ein Gelage zur Zeit der Pest». Es ist ein Gelage mit Worten, mit Versen und Klängen, Zwetajewa trägt vor, dann lesen unter anderem Ossip Mandelstam, Sergei Jessenin und eben auch Kusmin. Zwetajewa ist fasziniert von dessen dekadenter Erscheinung: Er ist exotisch gekleidet, geschminkt, sieht maurisch, mulattisch aus.
Aber mehr noch als von Kusmins manierierter Attitüde wird sie von seinen Augen in den Bann gezogen: «Vom andern Ende des Saals unbeweglich wie zwei Planeten kamen Augen auf mich zu. Die Augen waren da. Vor mir stand Kusmin.» Der tobende Schneesturm draussen und die ausgelassene Menge drinnen werden zur Kulisse einer Begegnung, die vorüber ist, bevor sie noch richtig begonnen hat Zwetajewa muss gehen, bevor Kusmins Auftritt beendet ist , einer Begegnung, die ihren unirdischen Zauber in der Rückschau auch aus der Nichterfüllung bezieht. Auch in diesem verglichen mit dem Woloschin-Essay knappen kaum zwanzig Seiten umfassenden Text setzt Zwetajewa auf die suggestive Kraft der persönlichen Assoziation. Nicht faktographische Genauigkeit, sondern Emotionen und kunstvoll verdichtete Bilder aus dem «bodenlosen Schacht der Erinnerung» sind ihr Mass der dichterischen Wahrheit.
Dorothea Trottenberg
Geboren am 2.1.1946 in Rimavská Sobota (Slowakei) als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen. Kindheit in Budapest, Ljubljana und Triest.
Volksschule und Gymnasium in Zürich, 1964 Abitur. 1965-1971 Studium der Slawistik und Romanistik in Zürich, Paris und St. Petersburg.
1971 Promotion (Dissertation: Studien zum Motiv der Einsamkeit in der russischen Literatur, Herbert Lang Verlag, Bern 1973). 1971-1977 Assistentin am Slawistischen Institut der Uni- versität Zürich. Seit 1977 Lehrbeauftragte der Universität Zürich. Daneben freiberuflich als Schriftstellerin, Übersetzerin und Publizistin ("Neue Zürcher Zeitung", "Die Zeit") tätig. Lebt in Zürich.
Auszeichnungen, Stipendien
Hieronymus-Ring des Deutschen Übersetzerverbandes (1987)
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