Der Berliner Autor und Übersetzer Frank Böhmert bezeichnet sich selbst gern als ewigen Geheimtipp. Das mag Understatement sein, vielleicht gehört ein wenig Koketterie mit dem Charme des Underdogs einfach dazu - mit seiner Sammlung bester Geschichten verlässt der Autor nun die Schatten.
In den beigefügten Anmerkungen des Autors kann man erfahren, dass er Stories aus ganz verschiedenen Epochen seiner Laufbahn auswählte. So unterschiedlich wie die Entstehungsjahre ist auch der Stil, sodass man so gut wie jedes Genre wiederfindet; jede Geschichte entwickelt dabei eine ganz spezielle Geschmacksnote und es wird zunehmend spannender herauszufinden, welche sprachlichen und stilistischen Wendungen Frank Böhmert noch hervorzaubert. Dadurch lässt sich das Buch nicht ohne Weiteres in einem Rutsch durchlesen, befinden sich doch einige schwerverdauliche Texte darunter, die man als Leser erst einmal verarbeiten muss.
Und das beginnt schon recht früh.
Während »Der Baum beim Blutbunker» eine mystisch verklärte Jugenderinnerung ist, die Böhmerts Interesse an zeitgeschichtlichen Details erstmals durchblitzen lässt, wird es bereits in »Brüderlein und Schwesterlein« bitterböse. Das sarkastische Märchen ist aber nur ein kurzes Intro für das moralische Schwergewicht »Pech für Opa«, dessen Abgrund man überwinden muss. Dabei ist man sich nicht sicher, ob der betont satirische Ton zur Perversion der Handlung passt, ob der Autor hier mit dem Geschmack der Leser spielt oder sich über Dinge lustig macht, die nicht witzig sind. Diese zwingende Ambivalenz macht den Text so großartig, dass man zu ahnen beginnt, mit »Ein Abend beim Chinesen« keine gewöhnliche Autoren-Anthologie vor sich zu haben.
Der Sprung zur nächsten Geschichte könnte größer nicht sein, fast möchte man bei »Love Bug« aufatmen, so klassisch schmerzfrei ist sie. Spätestens mit dieser Hommage an die Jugend und ihre verlorenen Schauplätze wird deutlich, dass sich der Autor als Chronist versteht. Das feine Gespür für den Duft der beschriebenen Zeit, für das Licht, die vielen kleinen alltäglichen und fast vergessenen Klitzekleinigkeiten zeichnet Frank Böhmert aus und er stellt dies in den folgenden Geschichten immer wieder unter Beweis.
In seinem Blog gab der Autor bekannt, dass er eine Roman-Dekalogie plane, jeweils einen für ein spezielles Jahr in seinem Leben - nach der Lektüre der Kurzgeschichten bleibt nur zu hoffen, dass er die Zeit findet, neben seinen Brotjobs, das Projekt abzuschließen.
Natürlich bricht die folgende Erzählung zunächst einmal mit der gerade gewonnenen Erkenntnis, denn »Wie ein Adler« ist eine sehr diffuse SF-Dystopie, mehr Schlaglicht als durchkomponierte Story und wieder einmal komplett anders, als ihre Vorgänger.
Und ihr Nachfolger.
»Spitze Dame« spielt mit Erwartungen und dreht sie um. Erneut treibt sich Frank Böhmert neugierig und schamlos im Grenzbereich der anerkannten Moralitäten herum, man glaubt es ihm einfach, wenn er in seinen Anmerkungen erwähnt, wie viel man von Stadtstreichern erfahren kann. Er ist der Typ dafür, ihnen zuzuhören und nichts zu vergessen oder zu verdrängen, und vor allem nichts zu verurteilen. Und nur so kann man eine Begebenheit erzählen, wie in »Die Dame ohne Unterleib«.
Dagegen wirkt dann die klassische SF-Geschichte »In der Hauptstadt« eher plump und gewöhnlich, aber passend für die ct, in der sie 1993 erschien. Von diesem Niveau geht es hinauf, besonders sprachlich ist »Hammer TV« ein Genuss, wenn auch der Plot etwas zu vorhersehbar für den Genrefan sein mag. Aber immerhin hat auch der Böhmert seine Vampire im Keller.
Thematisch passend, wenn auch wieder in komplett anderem Ton, geht es in »Der Sauger« weiter. Man spürt, wie sich der Autor an der zu beschreibenden Gräueltat ausprobieren will, wie er sich dem seltsamen Geist annähert und sich hineinzuversetzen bemüht, ohne in billige Klischees zu verfallen. Wieder so eine Geschichte, die man verdauen muss, die so gar nicht zur nächsten passen will und auch nicht kann.
Denn »Ihre Körper« ist eine weitere SF-Geschichte mit einem Ideen-Plot, deren Auflösung zwar passend und zusätzlich noch ökologisch, mahnend kritisch, daherkommt, aber nicht im Mittelpunkt steht. Vielmehr bleibt Frank Böhmert in der schnoddrig erzählten Story dicht an seiner Hauptfigur und beleuchtet die getriebene Wahrnehmung eines Künstlers, seine kreative Auseinandersetzung mit einer tödlichen Bedrohung, ein fast schlüssiger Beweis der Nichtlebensfähigkeit. Doch der Maler überlebt. Ironie des Schicksals und die lenkende Hand des Autors, wie sie auch in der kleinen, fast alptraumhaften Sex-Pistole »Als Raucher unter Linken« zu spüren ist. Frank Böhmert hat keine Scheu Dinge zusammen zu werfen, die gemeinhin als unvereinbar gelten und man kann sich hinterher wirklich fragen, ob man seine eigenen sexuellen Geheimwünsche wirklich ertragen könnte.
Und wie zum Luftholen eine kleine traumhafte, schwebend inszenierte Vignette über einen anderen Außenseiter: »Die Welt, von Türmen aus betrachtet«. Die aufgebaute Atmosphäre entfaltet eine Melancholie, der man gern nachspürt, der man Raum geben sollte, denn im Buch wartet schon ein Text, der so ziemlich entgegengesetzte Emotionen auslöst. »Die Hubschrauber« ist eine rasante und böse Büroposse, voller scharfsinnig beobachteter Details aus der Arbeitswelt. Auch wenn Frank Böhmert dem Zusammenbruch der Normalität nichts Neues hinzuzufügen hat, verbreitet er eine Menge Spaß damit.
Um Spaß geht es auch in den beiden folgenden Geschichten »Ein Zoo, ein Spanier, ein Gnom« und »Harry will Walross werden«. Hier rührt Frank Böhmert ganz behutsam in den Psychen seiner Figuren und bringt leise klingende Melancholie an die Oberfläche. Fein zugedeckt mit Wortwitz oder bekannten Alltäglichkeiten schöpft der Autor aus dem Schatz seiner Beobachtungen. »Harry will Walross werden« zählt im Schaffen Böhmerts quasi zu den Berühmtheiten. Die Geschichte war bereits sehr erfolgreich und gibt zudem Harry eine Bühne, eine Figur, die durch einige seiner Stories schleicht.
Nach dem warmen Familienkuscheln zögert Frank Böhmert erwartungsgemäß nicht, uns wieder ganz woanders hinzuschicken, etwa in den verdrehten Kopf von »Herr Hitler«. Inzwischen ist dem geneigten Leser klar, dass es dem Autor nicht um billige Provokation geht, vielmehr steigen wir sehr tief in eine Lebensgeschichte ein, wenn auch durch die Ich-Perspektive notwendigerweise maskiert. Auch hier spürt man die Authentizität der böhmertschen Schreibe. Vielleicht bringt es auch sein Übersetzerjob mit sich, dass er in der Lage ist, in ganz unterschiedlichen Zungen zu erzählen.
Die Titelstory ist eine düstere Film Noir Szene mit der unterschwelligen Casablanca-Dramatik über verpasste Chancen und die große Liebe, die zwei einsame Herzen ewig traurig bleiben lässt. Der Held heißt übrigens Harry.
Nicht ganz so heroisch, aber immer noch irgendwie romantisch gibt sich »Das Loch«. Was zunächst nach billiger Spannerei aussieht, entwickelt sich zu einer leisen inneren Betrachtung. Ein fast schon bitteres »Was wäre wenn...«.
Kurz vor Schluss des Buches wird es mit »Das Lager« noch einmal so richtig brachial. Die dritte Harry-Geschichte erzählt von einem über die Ufer tretendem Leben, dass eine Befreiung wird. Harry spielt den Tarzan nicht, er wird zu ihm. Dass er dabei auch das Leben all der anderen umstürzt und Liebe weckt, gehört zu den kleinen Gemeinheiten, die der Autor seiner Figur zumutet, die er mit einem ganz großen Abgang entsorgt. Frank Böhmert arbeitete übrigens selbst in so einem Lager. Der Leser kann sich nun überlegen, welche der vielen Details autobiografisch sind.
Ganz, ganz leise wird es in »Am Katzenbach«. Die Zeitungen sind voll von derartigen Tragödien, versteckt in kleinen Unfallberichten. Daraus eine sanfte Geschichte zu machen, ohne Pathos, ohne Lärm - das ist Kunst.
Passend zum menschlichen Drama und quasi als Einleitung des großen Showdowns, dann noch eine Familiengeschichte: »Wie Bonnie und«. Eine real erscheinende Episode, deren Glaubwürdigkeit durch den Erzähler hervorgezaubert wird. Das Zusammentreffen von banaler Dummheit und drohender Gewalt, aber auch selbstverständlicher Solidarisierung wirkt gerade deshalb so überzeugend, weil man es sich so derartig exakt vorstellen. Frank Böhmert führt die kleine Szene eindringlich vor die Augen des Lesers. Genau so kann es geschehen. Und bei all der plastischen Realität überfährt einen dann die Tragik der Geschichte.
Kurz vor Schluss dann mein persönliches Highlight der Sammlung und ein neuerlicher Bruch. »Sperrmüll« vollbringt das kleine Wunder, den darin enthaltenen Horror mit unfassbarer Menschlichkeit zu verbinden. Die Einfühlung ist so zwingend, dass man trotz schnell aufkeimender böser Ahnungen seine Sympathie nicht von der Hauptfigur abzuziehen vermag. Allein dieses famose Spiel mit dem Leser und seiner anerzogenen Ethik macht die kleine Geschichte zu etwas Besonderem. Es gibt viele Autoren, die über abseitige Menschen schreiben, aber nur wenigen merkt man an, dass sie sie auch kennen.
Mit einem letzten Beweis dieser Verwurzelung des Autors in seinem Milieu endet das Buch.
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