Der Autor Adolf Muschg ist seit zwei Jahren Präsident der Akademie der Künste in Berlin. Der Titel nimmt Bezug auf eine buddhistische Erleuchtungssituation. Es ist eine Legende, die von einem Abt berichtet, der immer als erster in der Frühe aufstand, dann aber von einem anderen Abt beim Meditieren mit dem Satz überrascht wurde :"Du bist zu spät Eikan". Dabei blickt er, wie die Buddhafigur auf dem Cover des Buches, über die Schulter. Und in diesem Augenblick wird Eikan erleuchtet, denn er merkt, dass er immer zu spät ist, also es ist immer spät, man ist immer nahe am Tod und gleich nah am Anfang.
Der Held des Buches heißt Leuchter. Ist er am Ende auch der Erleuchtete?
Der Inhalt ist wie folgt, kurz skizziert. Es gibt einen Mann von 42 Jahren, der ist Cellist, und er hat einen Freund. Die beiden sind zusammen in einem Internat gewesen. Das Buch selber beginnt mit einem Brief, aber die Geschichte beginnt eigentlich im Internat.
Hier haben sich die beiden kennen gelernt. Andreas Leuchter der Cellist und Roman Enders, Sohn reicher Eltern. Beide sind erotisch voneinander angezogen. Einer versuchten Annäherung entzieht sich der Andreas Leuchter, weil er gelernt hat sich selber immer unter Strafe zu stellen, wenn er Strafe befürchtet. Das heißt, er hält sich an klare Regeln, während sein Freund den Emotionen freien Lauf lässt.
Und jetzt, Jahre später, beide hatten sich im Internat entzweit, passiert folgendes. Beide sind jetzt im Alter von 42 Jahren und da kommt eines Tages dieser Brief.
Dieser Roman Enders schreibt in dem Brief, das er jetzt in Paris lebt und an Aids erkrankt ist und das nächste Jahr nicht erleben wird. Er beauftragt seinen Freund aus dem Internat, ein Cellostück, eine Suite in drei Sätzen, öffentlich vorzutragen. Er fügt die Bemerkung hinzu:" Wenn du dich nicht daran hältst, die Toten werden sich an dir rächen." Mit anderen Worten, nimm dich in Acht, ich bin immer noch da. Hier taucht das „Wiedergänger Motiv", das man auch bei anderen Büchern von Adolf Muschg findet, auf.
Und dann die vielen Liebesgeschichten, die Geschichten mit Frauen aus denen dieser Andreas Leuchter nicht klug geworden ist. All die vielen sexuellen Praktiken sind deutlich, aber doch dezent geschrieben. Man wirft ihm vor, dass seine Frau Catherine sich umgebracht hat, als er ein Verhältnis mit Sumi, einer begnadeten Cellistin begann. Und diese Sumi hat ihn immer wieder aufgefordert das Stück einzustudieren. Er weiß eigentlich gar nicht, dass sie Cellistin ist, behandelt sie wie eine Assistenzfigur.
Er studiert die Partitur ein, es kommt schließlich zur Aufführung in Paris, die allerdings misslingt. Und das Konzert, was er nicht spielen konnte, spielt Sumi in sagenhafter Größe und zeigt damit, dass er in seiner Kunst gescheitert ist, am Ende ein „Nichtkünstler" ist.
Der Cellist wird Judokämpfer und reist nach Japan. Er juriert Cello Schüler und Schülerinnen und dann passiert das, was dem Abt Eikan passiert ist, es kommt zu einer Erleuchtung. Hinter dem Vorhang, wo die Schüler spielen, damit sie bei der Benotung nicht erkannt werden, hört er plötzlich eine Musik, die er so noch nie gehört hat. Und es heißt, es sei eine Musik die gelernt habe sich selber zu hören.
Und er wird in diesem Moment ein anderer Mensch. Er gibt die Kunst auf, reist zurück, und wiederholt gewissermaßen ein Martyrium welches er sich am Anfang aufgeladen hat durch Lieblosigkeit, Verachtung und seine selbstgefällige Art gegenüber Frauen. Er hat gemerkt die Kunst gibt die Möglichkeit, das, was im Leben vorbei ist oder noch gar nicht da war, lebendig zu halten.
Ich habe das Buch mit Faszination gelesen, es ist so reich an Lebensweisheiten, völlig ohne Pathos und gleichzeitig so komprimiert. Und weil sich an den beiden Grundmotiven der Bildung, nämlich Liebe und Kunst, in diesem Roman Individuen bilden, haben wir es hier eigentlich mit einem klassischen Bildungsroman zu tun. Ein geheimnisvolles Buch, ein geheimnisvoller Gang eines Menschen, der, so sollte man vielleicht sagen, ausgezogen ist, hören und lieben zu lernen.