Es ist ein zeitgemäßes Gesetz, daß kulturelle Produkte - um es einmal so zu nennnen - den Markt erobern und nach wenigen Tagen in Vergessenheit geraten. Auch in der Belletristik kommen solche Phänomene vor. Der Grund: Leicht verdauliche Kost, die keine langfristige Auseinandersetzung mit der gebotenen Materie erlaubt, da diese, einmal diskutiert und erörtert, keine neuen Diskussionen in Gang setzt.
Manchmal ist der Grund für schnelle Vergessenehit nicht so einfach zu erkennen. Zuweilen ist das Verschwinden eines literarischen Meisterwerkes aus dem kulturellen Gedächtnis sogar vollkommen unbegründet, vielleicht sogar traurig. Bestes Beispiel: der Schweizer Peter Bichsel. Wem Peter Bichsel kein Begriff ist, der sollte noch heute etwas daran ändern. Besonders empfehlenswert zum Einstieg in seine Literatur erscheint mir "Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen". Dieses sympathisch schmale Buch ist großes Lesevergnügen einerseits und, scharfsinnig gelesen, eine große Herausforderung mit Ecken und Kanten andererseits. Beim Lesen ist allergößte Vorsicht geboten: Bichsels ausgesprochen kurzen Geschichten verführen zu einer viel zu schnellen, unreflektierten Lektüre. Dabei bieten ihre minimalistisch-konzentrierten Plots eine Vielzahl an möglichen Deutungen. Wirklich spannend (auch im wissenschaftlichen Sinn) werden sie dadurch, daß das Nichterzählte weitaus wichtiger als das Erzählte wird. Wer die Geschichten hinter den Geschichten nicht zu entziffern vermag, der übersieht das Wesentliche - ganz so, wie es die Figuren tun. Und damit deckt Peter Bichsel das Problemtische an unserer Zeit, an unserer schnellebigen Kultur auf: die Leichtsinnigkeit, mit der wir, von modernen Medien konditioniert, unsere Umwelt wahrnehmen. Den Unterschied zwischen Sein und Schein zu erkennen, das ist das große Thema von Bichsels Geschichten, die aus genau diesem Grund als zusammenhängende Texte gelesen werden müssen. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)