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von Jagoda Marinic
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von Marica Bodrozic
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von Marica Bodrozic
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von Saa Staniic
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von Wilfried N'Sonde
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Schatten von Liebesweh
Geschichten von Jagoda Marinic
Woraus nährt sich die Liebe der Jugend? Aus Sehnsucht und Träumen. Wovor fürchtet sie sich besonders? Vor dem Schmerz des Unverstehens. Wie geht sie damit um? Indem sie sich fleissig in sich selber verkriecht und in den Spiegeln der Einsamkeit ihr Ebenbild sucht ich Ärmste. «Er war gewohnt, zu erleben, das spürte man. Ich war gewohnt, zu sehnen, vielleicht spürte man das auch.» So heisst es in einer dieser Geschichten, und wenn wir ehrlich sind, ist das noch nicht gar viel. Der junge Mann hat einen festen Schritt, sein Blick verrät Begehren. Die junge Frau scheint davon angezogen, aber der Fremde stört ihren Rhythmus. Sie zieht sich zurück; das «Problem», wie er's genannt hat, bleibt ungelöst. Dafür kann sie in aller Ruhe nachdenken und ein weniges darüber schreiben.
Worauf beruht die Macht der Worte? Auf dem Benennen. Was ist ihr Gewinn? Die Distanz. Wodurch wird sie gefährdet? Durch das Leben, das gleichwohl zerrt und reisst; das bedrohlich aufbrandet und die «Literatur» mit List unterläuft. So versteht es auch Jagoda Marinic. Die kroatisch-deutsche Autorin, geboren 1977 in Waiblingen, ist keine Naive, und ihre Texte sind selten schlicht. Sie erzählen, im Gegenteil, von dem alten Widerspruch zwischen Ich und Welt: dass die Ordnung der Gefühle einer Chimäre gleicht wenn wir noch meinen, alles sortiert, alles gegliedert zu haben, fällt schon wieder das Chaos ein.
Oder sind es vor allem die jungen Frauen dieser Geschichten, die es so erfahren und erleiden wollen? Verletzliche Geschöpfe auf der Suche nach «Identität», immer sensibel, fast immer reflektiert. Die eine gequält von Eifersucht, eine andere unfähig, vergessen zu können. Von einer dritten heisst es: «Ich hatte Angst vor Entdeckern. Entdecker bewohnen selten, was sie entdecken, es liegt in ihrer Natur, dass sie weiterziehen, um mehr zu entdecken.» Diese nun lebte einst auf einer kleinen Insel im Mittelmeer, unberührt von westlicher Kultur. Und was weiss sie von ihrer Kindheit? Dass sie sich fürchtete, vor manchem; vor dem Blick der Leute, vor den Männern. Dass sie sich hingezogen fühlte zu dem alten Josip, der nicht ihr Grossvater war. Dass sie Josip oft in seiner Hütte besuchte, während er auf seiner Flöte spielte er, kein Entdecker, sondern ein Greis, der schweigsam war und auf den Tod wartete. Endlich einmal keine Gefahr.
Es sind Monologe, Reflexionen, stille und unauffällige Bekenntnisse, worin die Mädchen und Frauen hausen: glücklich-unglücklich mit sich selbst. Sie gehen einkaufen und geraten ins Staunen; erinnern sich an die Grossmutter und empfinden Zärtlichkeit; begegnen einem Filmemacher und müssen zuletzt bemerken, dass ihm nur an ihrer Stimme gelegen war. Doch was sie im Milieu solcher Alltäglichkeiten und Zufälle auf eher unauffällige Weise auszeichnet, ist die Gabe der Beobachtung. Deshalb, eigentlich, stellen sie jeweils ein Alter Ego der Autorin, denn Jagoda Marinic, die ein reines und souveränes Deutsch zu schreiben vermag, kann sehen. Nicht die Stoffe machen ihre Geschichten, sondern die Capriccios der Wahrnehmung. Wie «eine nicht ganz so kleine alte Dame» im Glaskasten des Provinzkinos sitzt und Karten verkauft; wie der Regen vom Draussen ins Innere, ins Gemüt einzieht; wie der ungetreue Geliebte etwas pathetisch, etwas lächerlich in den Armen der Betrogenen weint.
Vieles hängt ab von den Bewegungen der Prosa. Oder vielleicht könnte man's auch so sagen: Da im Durchschnittsleben so wenig «geschieht», was der Verzweiflung und der Euphorie, des Ingrimms und der «wahren Liebe» wert wäre, suchen wir das Authentische in immer feineren Regungen. Da das erwartet Überwältigende meistens ausbleibt, findet es Ersatz im Ernst, den wir dem Beiläufigen schenken. In den Meditationen darüber gerät die Sprache in Fahrt. Sie prüft und verwirft, stockt und beschleunigt, sammelt ein und wiederholt eine bis zur Unthematik geschrumpfte Melodie. «Nur hin und wieder überkam sie ein gewisser Ärger über ihre Kinder, schliesslich hatten sie und ihr Mann das ganze Leben dafür gearbeitet, für das Haus, für die Kinder, und diese Tage, die nach dem ganzen Leben nun geblieben sind, hätten sie ihr doch irgendwie lauter machen können, geräuschvoller, geruchvoller.» Doch die Kinder sind fort; ihr Schweigen tötet den Atem.
Und die Frauen haben es schwer, ob sie auf ihren Inseln im Mittelmeer ausgeharrt haben, wo das Leben auf andere Weise erstickt wird, oder ob sie, noch jung und schön und aufgeklärt, in Deutschland ihre Wege, vor allem ihre Umwege gehen. Das denn ist, über die «existenziellen» Umstände hinaus, schon zu hören: dass die Liebe in Deutschland viel loser geknüpft wird. Worauf gründet sie? Auf dem Profit bis auf Widerruf. Woran soll sie leiden? Am Unwillen der Männer, für etwas dauerhaft einzustehn. Sie, die Adepten des Zögerns und Vergleichens, wären im Grunde das schwache Geschlecht, worüber allerdings Jagoda Marinic und ihre Gefährtinnen auch nicht froh sein mögen.
Die längste Geschichte des Bandes ist eine durchaus altmodische und zugleich raffiniert ausgekühlte Liebesgeschichte. Dem absichtsvoll gewundenen Titel «Ich wünschte, er hätte nie geredet davon, dass man nur eine lieben kann» entspricht die Handlung: wie eine junge Frau wegzukommen versucht, von ihrer Mutter, von ihren Kindheitsmustern, von ihrem Freund. Sie sitzt im Zug, fährt kreuz und quer durch Deutschland, plant die Zerstreuung ihrer Vergangenheit wie sie's nennt und muss doch einsehen, dass dies nicht gelingt. Sie ist abhängig; immer noch von der Mutter, bald auch von dem Mann, dem sie auf einer ihrer Reisen begegnet ist. Besonderes Gewicht aber haben die Bücher. Darin, in den Romanen und Novellen, hätte sich eine Art von Vorlage oder Prägung für ihr eigenes Erleben manifestiert, die Leserin wäre schon verstanden gewesen, bevor überhaupt die Dramen ihrer Biographie sich in der Realität bewiesen hätten.
Ein akzeptables, ein ästhetisches Schicksal: zu wissen, dass alles schon einmal war; dass Trauer und Schmerz, das Schluchzen und die Enttäuschung einer Spur folgen. Diesen Trost gewährt die Literatur. Sie «ist» der Text des Lebens, sie erzählt von den ewigen Wiederholungen und Konstellationen, und daraus begreift der gebildete Mensch, wie wenig originell in Wahrheit ist, was ihm jetzt und jetzt geschieht. Sie brauche, sagt die Frau, solchen Trost «diese Zeilen von einer und einem, der eine heimliche Liebe beschrieben hat. So ist das. Entweder haben die Zeilen mich treffend beschrieben, oder ich verhalte mich treffend nach ihnen, ich weiss nicht, ich weiss nur, dass alles, was mir widerfährt, symbolisch zu werden hat. Am besten mystisch.» Mystik? Ein Antidot gegen die Einsamkeit. Ein Medium der Bezüge und Verweise gegen den bösen Verdacht der Sinnlosigkeit. Doch das namenlose Mädchen meditiert weiter. Wie, wenn es doch so wäre, dass es Dinge gibt, die niemand zu greifen vermöchte? Gefühle, die keinem Wort, keiner Sprache, keinem «Code» sich fügen? Als sich die Beziehung zu dem Fremden im Zug allmählich entwickelt erwartungsreich und wieder bedrohlich, verräterisch innig , wird die Unsicherheit bloss grösser. Was soll nun alles Symbolische, mit der Dichtung Verstandene helfen, da die Triebe und Stimmungen so rücksichtslos dominieren? Selbst die Idee der Hoffnung macht krank: Sie verdeckt den spontanen Moment, den Genuss im Augenblick.
Man soll es anderseits nicht zu ernst nehmen, das Sinnieren einer späten Adoleszenz. Die Schriftstellerin, die davon beteiligt und unbeteiligt berichten will, steht, wie es sich für die Literatur gehört, darüber. Ihrer poetischen Virtuosität des Gebens und Nehmens, der Beschleunigung und des gedankenschweren Largos, der Pointierung und der andeutenden Diskretion ist auch die Ironie nicht fremd. «Ich muss es wegschreiben», lässt sie die junge Frau einmal ausrufen. Eben dies geschieht; und obwohl die Heldin fortwährend mit Kopfgeburten und Erkenntniszweifeln ringt, geht sie als Ich-Erzählerin rüstig ans Werk. Den letzten Abschiedsbrief an David, den Geliebten, der's irgendwie nicht wert war, unterzeichnet sie stolz und kurz mit «Ich».
Ich ein prekärer Zustand. So viel, immerhin, wird schon klar. Wenn es wahr ist, dass sich das Subjekt über seine Geschichten bestimmt, dürften wir verstanden haben: Es sind für Jagoda Marinics Protagonistinnen fast immer die falschen Geschichten. Geschichten des Verlusts; Geschichten vom unbefriedigten Dasein; Geschichten der Angst. Kein Gefühl wird so häufig genannt wie dieses die Angst. Dem Leben nicht gewachsen zu sein, weil etwas fehlt, ein Mann, ein Kind, eine Resonanz durch Liebe. Dadurch dann, Angst vor sich selbst, vor der eigenen Person: Sie wartet und erwartet, statt einfach zu sein. Man lese: «Der nie entladene Karren und das nie bestellte Feld». Eine Frau führt ihren Wagen, auf dem sich die Dinge türmen. Die Dinge drücken schwer, daneben liegt das Feld die ganze Welt in urtümlich schweigender Gleichgültigkeit.
Martin Meyer -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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