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Die enthaltenen Beiträge sind deshalb so beliebt, weil sie in lesbarer, prägnanter und knapper Form Gefühle und kritische Gedanken auf den Punkt bringen, die offensichtlich von mehr Menschen geteilt werden, als dies die gesellschaftliche Oberfläche, die dem Phänomen 'Eifersucht' nach wie vor so nachsichtig oder gar romantisierend gegenüber steht, in der Regel wahrnimmt.
Das Büchlein aus dem Lucy Körner Verlag ist ein typisches 'Verschenk-Buch' (das man selbst vielleicht geschenkt bekommen hat), das den aus der eigenen Lebenserfahrung geborenen Zweifeln an dem was als 'normal' und 'richtig' gilt eine Stimme gibt, und dessen Autoren zusammenhängende, nachvollziehbare Argumente liefern für etwas, das man seinen Freunden, Bekannten oder oft auch dem eigenen Partner gerne sagen würde, zu dem einem jedoch üblicherweise der Mut oder auch nur die Worte fehlen. Da man es selbst eben nicht besser sagen oder erklären könnte, kauft man sich deshalb vielleicht zwei-drei Exemplare des 'Eifersucht ...' Büchleins und verschenkt sie an diejenigen Menschen, die einem wichtig und vertraut sind und mit denen man sich vielleicht schon oft in Gesprächen und Diskussionen kontrovers mit der Frage auseinandergesetzt hat, ob denn der allgemein übliche Stellenwert des eifersüchtigen haben-, besitzen und behalten-wollens, der traditionelle Paarbeziehungen auch heute noch ausmacht, wirklich die einzige Alternative ist - oder nicht vielmehr die eigentliche Ursache für viele typische Beziehungsprobleme.
Rezensent Rohde lässt sich abfällig über den 'Hang zu einem psychoanalytischen und kulturdeterministischen Konzept der Psyche' aus, der die Autoren offensichtlich verbindet, ordnet diesen Blickwinkel verächtlich den Siebzigern zu, und fühlt sich als Vertreter des populären Biologismus der Neunziger wohl überlegen und auf der sicheren Seite.
In Wahrheit begeht er denselben Denkfehler, der vielen unterläuft, die ihre eigenen Lebensmaximen vermeintlich durch neueste Erkenntnisse der Genetik und Evolutionsbiologie bestätigt und gerechtfertig sehen: daß menschliches Verhalten, Erleben und Fühlen - vor allem in so grundlegenden Bereichen wie der Partnersuche, der Sexualität und Fortpflanzung - natürlich seine Ursachen und Ursprünge in der menschlichen Evolutionsgeschichte hat bestreitet außer ein paar hartgesottenen Kreationisten oder religiösen Fanatikern doch kaum noch jemand. Daraus den Kurz-Schluß zu ziehen, wir müssten uns diesem evolutionären, genetisch verankerten Erbe deshalb bedingungslos unterwerfen, zeugt jedoch von gehöriger Ignoranz gegenüber kulturellen Werten und Errungenschaften, die das Mensch-Sein, wie wir es heute verstehen und definieren, doch eigentlich erst ausmachen. Eine Ignoranz, die allerdings nicht unüblich ist für Vertreter der Naturwissenschaften, deren Unbehagen im Umgang mit 'unscharfen' Themen wie Kunst, Kultur und Psyche etc. oft allzu offensichtlich ist.
Das 'egoistische Gen', das u.a. unzählige Generationen lang dafür sorgte, daß Alte und Kranke frühzeitig ihrem Schicksal überlassen und damit zum Tode verurteilt wurden, mußte sich geschlagen geben gegen kulturelle Werte, die den Schutz der Schwachen und Alten zu einem Grundprinzip erhoben haben, und die heute nur noch von politischen Wirrköpfen und Extremisten angezweifelt werden. Und auch die biologischen Notwendigkeiten die den Fortpflanzungstrieb zu einem der stärksten der menschlichen Bedürfnisse überhaupt gemacht haben, konnten letztlich die Erfindung von Empfängnisverhütungsmitteln nicht verhindern - das vielleicht wichtigste Aufeinanderprallen von "Natur" und "Kultur", das es in der Menschheitsgeschichte je gab. Hier lässt sich die direkte Brücke zum Thema 'Eifersucht' schlagen: aus Urzeiten 'sexueller Selektion' (Rohde) und genetischer Programmierung zur tiefempfundenen Sorge um den eigenen Fortpflanzungserfolg entstanden, sind die Ursachen der Eifersucht - in den jeweils verschiedenen Ausprägungen bei beiden Geschlechtern - leicht nachvollziehbar.
Offensichtlich sollte aber auch sein, daß die Umstände und Sachzwänge, die den Eifersuchtsreflex früher zu einer Frage von Leben oder Tod (der eigenen Gene) machten, in der modernen Welt, in der 'Sexualität' schon lange nicht mehr automatisch mit 'Fortpflanzung' gleichzusetzen ist, praktisch nicht mehr existieren. Was davon noch übrig ist, ist kultureller Natur, sind Regeln und Vorschriften, die von politischen und religiösen Institutionen und immer stärker auch durch die Medien, die üblicherweise eher an den Bauch als an den Kopf appellieren, zum eigenen Nutzen aufrecht erhalten werden. Es steht uns jedoch - zumindest im westlichen Kulturkreis - weitgehend frei, uns den entsprechenden Konditionierungen zu entziehen, wenn wir der bequemen Versuchung widerstehen. uns auf überkommenen Verhaltensmustern nur deshalb auszuruhen, weil uns die Wissenschaft inzwischen bestätigt, daß sie aus urzeitlich-evolutionärer Sicht "natürlich" sind, und aufgrund des kurzen Zeitraums, den der Homo Sapiens überhaupt erst existiert, auch heute noch in uns stecken.
'Eifersucht. Ein Lesebuch für Erwachsene' mag was die ganz wenigen darin enthaltenen Hinweise auf wissenschaftliche Studien etc. angeht, nicht mehr auf der Höhe der Zeit sein. Es bietet jedoch heute wie vor 20 Jahren genug Denkanstöße und Ansätze, die eigenen Probleme mit Eifersuchtsgefühlen in der Partnerschaft kritisch und aus veränderten Blickwinkeln zu betrachten. Psychoanalyse und Kulturdeterminismus sind zur Zeit vielleicht nicht die beliebtesten Blickwinkel, weil sie uns zu schwierigen und unangenehmen Selbstreflektionen anhalten, statt uns einzulullen und die Verantwortlichkeit für unsere Handlungen auf Biologie, Evolution und Gene abzuschieben.
Die Entscheidung, welchen Blickwinkel wir letztlich einnehmen wollen liegt aber auf jeden Fall bei uns selbst.
Bei derartig extremen Behauptungen stellt sich die Frage nach der wissenschaftlichen Grundlage. Den rein kulturdeterministischen Ansatz rechtfertigen die Authoren durch eine scheinwissenschaftliche Ausgrenzung aller Biologie. Diese Aufgabe übernimmt gleich zu Beginn der inzwischen verstorbene Sexualpsychologe Ernest Bornemann, der uns selbstbewußt mitteilt, "im Gegensatz zur herrschenden Laienmeinung besteht im Tierreich kein Sexualneid". In dem sich anschließenden Exkurs in die ihm offenbar weitgehend unbekannte Tierwelt wird (ohne jeden Verweis auf Quellen) eine Begründung geliefert, die geeignet ist, nicht nur den Verhaltensbiologen unter den Lesern die Augen weiten zu lassen und die nur als barer Unsinn bezeichnet werden kann. Aus diesem zieht Bornemann den Schluß, daß Eifersucht keineswegs ein angeborener Aspekt der "menschlichen Natur", sondern ein "spezifisch menschlicher Affekt" sei und zudem "das anerzogene Produkt sexualrestriktiver Gesellschaftsordnungen". Erst "Privateigentum und Patriarchat" hätten zur männlichen Monopolisierung der Frau geführt, wohingegen Kulturen, die keinen Privatbesitz kennen, "eifersuchtsfrei" seien. Die Siebziger lassen Grüßen!
Seit Erscheinen des Buches ist (offenbar unbemerkt von den Authoren) eine beachtliche Anzahl von Verhaltensstudien zum Thema Eifersucht bei Menschen und anderen Arten durchgeführt worden. Die Behauptung im Tierreich bestehe kein "Sexualneid" ist schlichtweg falsch. Es gibt wohl kaum eine bei so vielen Tiergruppen verbreitete Verhaltensäußerung, wie die (männliche) sexuelle Eifersucht. Die Anpassungsfunktion der männlichen Eifersucht besteht darin, zu verhindern, daß Konkurrenten zur Befruchtung kommen, denn nur diejenigen Männchen, die sich der Neigung der Weibchen, sich mit anderen Männchen zu paaren, erfolgreich widersetzen, führen ihre genetische Linie fort. Weibchen haben dieses Problem wegen der internen Befruchtung nicht. Die Eifersucht des Weibchens soll verhindern, daß die für die Jungenaufzucht notwendige Unterstützung und Resourcen des Männchens mit weiteren Weibchen geteilt werden müssen. Sie ist eine adaptive Antwort auf die Neigung von Männchen vieler Arten, mehr als nur eine soziale Partnerin monopolisieren zu wollen - wiederum eine männlich-menschliche Eigenschaft. Dieser Geschlechtsunterschied der Eifersucht wird von der Evolutionstheorie vorausgesagt und zudem von Untersuchungen an Menschen empirisch gestützt [1].
Hinsichtlich der (falsch gestellten) Frage, ob Eifersucht ein angeborenes oder anerzogenes Reaktionsschema sei, verweist Schmidt hoffnungsvoll auf drei angeblich eifersuchtsfreie Kulturen des pazifischen Raums (für alle drei besagen ethnologische Quellen gegenteiliges) und kommt zu dem Schluß, "daß Eifersucht nur in einer trieb- und lustfeindlichen patriarchalischen Gesellschaftsordung ein besonderes Problem zu sein scheint". In ähnlicher Weise argumentiert Arno Plack, es gäbe "von Eifersucht freie Gemeinschaften" und führt eine anekdotische Beobachtung der Anthropologin Margaret Mead an, die sie in den zwanziger Jahren während eines Studienaufenthalts auf Samoa gemacht hatte. Das völkerkundliche Interesse der Authoren hat seit erscheinen des Buches jedoch scheinbar stark nachgelassen, denn 1983 erschien die bekannteNachfolgestudie des Anthropologen Derek Freeman [2], der u.a. zeigte, daß die Samoaner sogar in ausgesprochen hohem Maße eifersüchtig sind. Im Gegensatz zu Schmidt konnten außerdem die Evolutionspsychologen Martin Daly und Margo Wilson [3] auch nach gründlicher Durchsicht der ethnologischen Literatur keine Kultur finden, in der es nicht zumindest Hinweise auf das Vorhandensein von männlicher Eifersucht gab.
Der evolutionäre Ansatz liefert eine guteErklärung für die von Heinz Körner mit Unverständnis registrierten extremen Ausprägungen der Eifersucht (u.a. Gewalt, Mord): "Welch eine elementare Kraft muß hinter diesem Gefühl stehen, daß es so einschneidend und weitreichend in unser aller Leben einzugreifen vermag?" (S. 32). Die Antwort darauf kennen wir: Diese "Kraft" heißt "sexuelle Selektion" [1]!
Bleibt zu fragen, welche Lösungen die Authoren ihren von Eifersucht geplagten Lesern zu bieten haben. Als hilfesuchender Leser wäre ich enttäuscht. Beispiele: Körner sieht die ultimative Lösung im politischen Wirken des Einzelnen auf die Gesellschaft:
"Je mehr Menschen den Mut aufbringen, nicht in kindlichen Abhängigkeiten verhaftet zu bleiben, sondern in der Begegnung mit den Mitmenschen neue Erfahrungen zu wagen, um so entscheidender wird auch die Rückwirkung auf das jeweils persönliche Umfeld und letztlich auf die gesamte Gesellschaft sein."
Adalbert Schmidt plädiert für ein Zulassen des Gefühls und bietet dem Leser abschließend "Trost" in der Bemerkung:
"Es gibt für einen erwachsenen Mensch eigentlich keinen Grund zur Eifersucht, es sei denn, er hat so viele "Macken", daß er kaum noch liebenswert ist. Oder er ist so liebesunfähig, daß er kaum noch genießen kann. Aber diese Macken und Unfähigkeiten lassen sich beheben."
Als akut Eifersüchtigen würde mich diese Bemerkung erst in tiefe Selbstzweifel stürzen!
Daß Eifersucht, ebenso wie andere Gefühlsregungen zum ernsten Problem, ja zur Qual werden kann, steht außer Frage. Doch wird unser Erfolg im Umgang damit wesentlich davon abhängen, wie gut wir die Ursachen und Mechanismen des Problems verstanden haben [1, 4, 5]. Das Buch "Eifersucht" ist eher geeignet, der hilfesuchenden Öffentlichkeit von solcher Art des Selbstverständnisses fernzuhalten. In diesem Sinne wäre es wünschenswert, daß sich die Authoren des Buches die Bemerkung ihres Mitauthors Arno Plack noch einmal zu Herzen nähmen: "Nur Einsicht in das, was ist, kann eine realistische Hoffnung begründen" ( S. 118). Doch was bliebe nach der "Einsicht" von Körners Klassiker noch übrig?
Percy Rohde
Literatur
[1] Buss, D. M. 1994 Die Evolution des Begehrens. Geheimnisse der Partnerwahl. Hamburg: Kabel. [2] Freeman, D. 1983 Margaret Mead and Samoa: The making and unmaking of an Anthropological myth. Camebridge and London: Harvard University Press [3] Daly, M., Wilson, M. & Weghorst, S. 1982 Male sexual jealousy. Ethol. Sociobiol. 3, 11-27. [4] Bruck, A. 1990. Sexuelle Eifersucht. Erscheinungsformen und Bewältigungsmöglichkeiten im Kulturenvergleich. Westdeutscher Verlag, Opladen [5] Sheets, V. L., L. l. Fredendall, and H. M. Claypool. 1997. Jealousy evocation, partner reassurance, and relationship stability: an exploration of the potential benefits of jealousy. Evol. Human. Behav. 18: 387-402.
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