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Eichmann vor Jerusalem: Das unbehelligte Leben eines Massenmörders
 
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Eichmann vor Jerusalem: Das unbehelligte Leben eines Massenmörders [Gebundene Ausgabe]

Bettina Stangneth
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)
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Bettina Stangneth
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Eichmann vor Jerusalem räumt mit einer Fülle von Nachkriegslegenden und -lügen auf und enthüllt, wie der Menschheitsverbrecher Adolf Eichmann nach dem Krieg ein unbehelligtes Leben führen konnte - obwohl sowohl sein Aufenthaltsort als auch sein Deckname seit 1952 bekannt waren. Mit Eichmann vor Jerusalem dekonstruiert Bettina Stangneth die Lügengerüste der Nachkriegszeit und entlarvt deren unheilige Protagonisten - und wirft ein neues Licht auf die Probleme bei der Demokratisierung Deutschlands nach dem größten Zivilisationsbruch aller Zeiten.

Über den Autor

Bettina Stangneth, geboren 1966, studierte bei Klaus Oehler und Wolfgang Bartuschat in Hamburg Philosophie und promovierte 1997 über Immanuel Kant. Stangneth ist Herausgeberin einer kommentierten Ausgabe von Kants Religionsschrift und bekam für ihre Studie über Antisemitismus bei Kant 1999 den ersten Preis der Philosophisch-Politischen Akademie e.V., Köln. Seit sechs Jahren forscht sie zu Adolf Eichmann. Bettina Stangneth beriet den NDR bei dem Dokudrama Eichmanns Ende (2010), das auch aufgrund ihrer Forschungsergebnisse gedreht wurde, und ist u.a. wissenschaftliche Beraterin der Ausstellung zum Eichmann-Prozess in Berlin 2011 (Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Topographie des Terrors, Stiftung Wannsee). Sie lebt in Hamburg.

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
26 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Martin TOP 100 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
Zum 50. Jahrestag des Eichmann Prozesses präsentiert die Historikerin Bettina Stangneth eine umfassende Neubewertung der Person Eichmanns und seiner Rolle als Cheforganisator der sog. Endlösung. Stangeth kann dabei auf umfangreiche Forschungsarbeiten zurückgreifen, die sie als wissenschaftliche Beraterin der Ausstellung
zum Eichmann-Prozess in Berlin 2011 gesammelt hat. Auf ihren Forschungsergebnissen basiert übrigens auch der TV-Film Eichmanns Ende.

Der Titel "Eichmann vor Jerusalem" ist eine Reminiszenz an Hannah Arendts "Eichmann in Jerusalem". In diesem Buch hat Arendt das Bild Eichmanns als Schreibtischtäter geprägt. Sie sah Eichmann als unerbittlichen Bürokraten, der ohne sich selbst die Finger schmutzig zu machen, aus Karrierestreben den Massenmord an den Juden plante. Bettina Stangneth nimmt diesen Titel nicht zufällig auf, sondern sie beschreibt die Jahre, die Eichmann auf der Flucht und im südamerikanischen Exil verbracht hat. Diese fünfzehn Jahre sind von der Forschung bislang nicht sehr beachtet worden, zeigen aber das wahre Bild des Massenmörders.

Eichmann präsentierte sich im Exil im Kreise von Gesinnungsgenossen keinesfalls als subalterner Beamter, sondern brüstete sich mit seiner Rolle als Chefplaner der Endlösung.
Mit der fachlichen "Autorität" des ranghöchsten noch lebenden Judenvernichters rechnet Eichmann seinen Gesinnungsgenossen seine Mordbilanz vor, wobei die Zahlen der Opfer stets schwanken. Zeitweise spekuliert Eichmann sogar darüber sich der westdeutschen Justiz zu stellen, da er erwartet mit vier bis sechs Jahren Gefängnis davonzukommen. Im Nachhinein und unter Berücksichtigung der justiziellen Behandlung von NS-Tätern in den 60er Jahren muss man leider sagen, dass diese Überlegung gar nicht so abwägig war.
Spektakulär Stangneths Forschungsergebnis, dass Eichmann den Schritt zurück nach deutschland sogar im großen Stil plante. Eichmann arbeitete an einem "offenen Brief" an Bundeskanzler Adenauer, der jedoch nie abgeschickt wird. Die Bleistiftnotizen hierfür hat die Autorin nun erstmals geborgen. Eichmanns ausführliche Behauptungen hinsichtlich einer "Lüge von den sechs Millionen Opfern" sollten auf diesem Wege in den Bundestagswahlkampf 1957 platzen.

Stangneth zeigt, dass der Auftritt Eichmanns vor dem Jerusalemer Gericht, bei dem er sich als das vermeintlich kleine, durch nichts als Pflicht angetriebenen Rädchen in der Vernichtungsmaschinerie darstellte, nichts als eine geschickte Selbstinszenierung war, um die zu erwartende Strafe zu minimieren. Damit tat Eichmann auch der damaligen politischen Führung in der Bundesrepublik (bewusst oder unbewusst sei mal dahingestellt) einen Gefallen, bestätigte er doch das mühsam gepflegte Bild der westdeutschen Nachkriegsjustiz von NS-Tätern als motivationslosen Gehilfen einer einsamen Spitze aus Hitler, Himmler und Heydrich, was immer wieder Strafmilderungen ermöglichte. Auch verzichtete Eichmann darauf, andere ihm bekannte Personen, die inzwischen in der Bundesrepublik wieder Karriere gemacht hatten, in das Verfahren zu ziehen. So konnte die Adenauer-Republik aufatmen, da internationale Verwicklungen durch den Prozess ausblieben.

Stangneth zeigt so ein neues Bild von Eichmann als durchaus sendungsbewusster und überzeugter Täter, der aus prozesstaktischen Erwägungen seine Rolle kleinspielte. Seine äußere Erscheinung und die kriecherische Verhaltensweise trugen dazu bei, dass viele Prozessbeobachter, so auch Hannah Arendt, dieses Bild akzeptierten und den kaltblütigen Überzeugungstäter hinter dem Bild nicht erkannten.
Es ist Stangeths Verdienst, das Bild Eichmanns wieder richtiggestellt zu haben und auch die Rolle der jungen Bundesrepublik in diesem Prozess beleuchtet zu haben.

Leider ist Frau Stangeth zwar eine brilliante Historikerin schreibt aber auch so. Der Leser wird in das hohe teilweise abstrakte Verfahren der Quellenkritik eingeführt, wenn die Autorin ihre Quellen immer wieder in Abgrenzung zum bisherigen Forschungsstand erklärt. Für den Nicht-Historiker (der Rezensent hat mal Geschichte studiert) ist manchmal das sehr mühsam zu lesen. Hier hätte der Darstellung etwas mehr Übersichtlichkeit und etwas mehr Rücksicht auf nicht-akademische Leser gut getan.

Aber insgesamt ist Langneths Buch eine bemerkenswerte Grundlagenstudie, die Eichmann Selbszinszenierung als kleiner Beamter vor Gericht entlarvt und in den historischen Kontext einbettet. Auf die weiteren Ergebnisse ihrer Forschungen, insbesondere darauf wie die politische Führung der Bundesrepublik und Israels Einfluss auf den Prozesverlauf nahmen, darf man gespannt sein.
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe
Also ich bin auch der Meinung, dass man das Buch jedem empfehlen sollte und zwar weil es nicht nur großartig geschrieben ist, sondern weil es jeden angeht. Bettina Stangneth korrigiert nicht nur Eichmanns Rolle beim Holocaust und das Eichmann-Bild und präsentiert unglaublich viel vom Denken des Massenmörders, das ich so noch nirgends gelesen habe. Sie zeigt auch, wie die Nazis nach 1945 in Deutschland und überall versucht haben, die Geschichte in ihrem Sinn zu verklären. Man kann genau sehen, wo die Argumente herkommen, mit denen auch die Neonazis heute noch Stimmen fangen wollen. Ebenso lernt man enorm viel über die Anfänge des Staates, in dem wir leben. Eine besondere Leistung ist es, dass Stangneth auch über den Bundesnachrichtendienst BND geschrieben hat, ohne dass es geheimnistuerisch oder eine Verschwörungstheorie wird.

"Eichmann vor Jerusalem" ist viel mehr als eine Eichmann-Biographie. Es ist ein ungeheuer vielschichtiges Buch und ich frage mich immer noch (bin beim zweiten Lesen), wie man so viele Informationen in ein Buch packen kann und es ist trotzdem noch spannend. Toll finde ich auch, dass man immer genau merkt, wo die Autorin selbst steht. Mag ja sein, dass das anderen zu viel Emotionen für ein Sachbuch sind. Aber dafür ist es wenigstens nicht trocken. Man hat das Gefühl, dass es ein Buch für Leser ist und nicht für Fachbibliotheken. Es ist m.E. nicht umsonst gerade auf Platz 1 der Sachbücher des Monats.

Stangneths Buch ist übrigens eines der ganz wenigen, bei denen ich sogar die meisten Fußnoten gelesen habe. Kann ich auch nur empfehlen. Man begreift, warum Fußnoten nun mal wirklich wichtig für alle sind, wenn man seriöse Forschung will und keinen Überfliegerkram. Über einige Fußnoten habe ich sogar gelacht. Wissenschaft (Schulunterricht auch) könnte gerne immer so transparent und unterhaltsam sein, gerade bei so harten Thema wie "Eichmann vor Jerusalem".
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe
Adolf Eichmann hat jahrelang völlig unbehelligt im Kreise ehemaliger "Kameraden" in Argen-tinien gelebt, bevor er seine unfreiwillige Reise nach Jerusalem antrat. Sein Aufenthaltsort war, so zeigt es die Autorin, auch keineswegs völlig unbekannt, zumindest konnte derjenige, der einige Nachforschungen in den alt- oder neonazistischen Kreisen auf sich nahm, ihn auch herausfinden. Die Frage ist nur: Wer wollte das wirklich? Eichmann kannte viele Leute, die wiederum ihn nun plötzlich (spätestens nach seiner Entführung 1961) alle nicht mehr gekannt haben wollten. Besser also, er bliebe da, wo er ist...

Die Autorin schildert nun eindrücklich, wie Eichmann sich mit einer Rolle als selbständiger Kaninchenzüchter oder Lagerarbeiter bei Mercedes Argentina S.A. keineswegs zufrieden geben wollte. Zwischen 33 und 45 war er eben nicht der unbedeutende "kleine" Bürokrat gewesen, als den er sich in Jerusalem vorstellte, und nach 1945 wollte er zumindest ein Stück weit wieder eigene Machtausübung genießen. Mehr noch: Das "Dritte Reich" mochte untergegangen sein, aber der mörderische Kampf zwischen Ariern und Juden ging in Eichmanns Denken weiter, auch wenn er nur noch seine Worte - mündlich und schriftlich - als Waffe einsetzen konnte. Das war aber mehr als genug. Das geeignete Forum dafür war eine Runde "alter Kameraden" - die waren Mitglieder der SS gewesen -, die sich bei dem windigen Schriftsteller Sassen zum regelmäßigen Austausch trafen. Die meisten Teilnehmer der Gesprächsrunde, aus der, so der Plan, ein Buch über die letzte "Wahrheit" der Judenverfolgung entstehen sollte, waren der Ansicht, dass wenn der Genozid überhaupt stattgefunden hat, dann doch in erheblich geringerem Ausmaß als von den Gegnern behauptet, ja dass die Vernichtung der europäischen Juden eigentlich das Produkt einer Verschwörung gewesen sei, die "am Führer" vorbeigelaufen sei und deshalb auch der Idee eines "wahren Nationalsozialismus" letztlich nichts anhaben könne. Aber hier spielt Eichmann nicht mit: Nein, so erklärt er kategorisch (und redet sich hier, ohne es schon zu wissen, im wahrsten Sinne um Kopf und Kragen), er habe in Absprache und auf Befehl Hitlers den Genozid organisiert und überwacht, die Auslöschung dieser "minderwertigen" und zugleich über alle Maßen gefürchteten "Rasse" sei keineswegs ein Versehen gewesen, sondern stelle vielmehr den Kern des Nationalsozialismus selbst dar. Die Kameraden sahen sich in ihren Hoffnungen auf den Erhalt ihrer Lebensphilosophie betrogen, ein politischer Neustart in der ein paar tausend Kilometer entfernten Bundesrepublik schien Ende der 50er Jahre ohnehin nicht mehr machbar.

All dies, das heißt den Ablauf und die Ergebnisse der sogenannten "Sassen-Gespräche", die schließlich das Kernstück der "Argentinien-Papiere" bilden, schildert die Autorin souverän, gestützt auf ihre lange, aufwendige und pionierartige Forschungsarbeit. Sie zeigt vorbildlich, dass wissenschaftliches Arbeiten und engagiertes Eintreten für Gerechtigkeit aufs Beste zusammen gehen können. Diese Arbeit ist ein Vorbild für jeden Studenten der Geschichte (und nebenbei kann er/sie auch noch lernen, wie man richtig zitiert!).

Dann aber, im letzten Viertel des Buches, wenn es um die Zeit nach dem Tod Eichmanns (1962) geht, breitet die Autorin unendliche und unendlich langweilige Ausführungen über die verschiedenen Quellen, das heißt die X Fassungen der Transkriptionen der Sassen-Tonbänder, vor dem Leser aus, der sich immer häufiger in der Versuchung sieht, den dicken Band einfach auf Nimmerwiedersehen in den Bücherschrank zu verbannen. Ob die Skripte in Oberösterreich nun aus der Kopierlinie der LIFE-Ausgabe stammen oder nicht, ob sie nun 659 oder 695 Seiten umfassen oder ob wir es mit einem "Zahlendreher" zu tun haben, diese Frage mag die Autorin aufregend finden, der Leser - nicht! Dessen, was der Autorin zunächst souverän gelungen ist, nämlich Wissenschaft für den interessierten Laien verständlich und spannend darzustellen, geht der letzte Teil des Buches verlustig, als ob alle Kraft für die ersten 400 Seiten (von 540) verbraucht worden ist.

Aus diesem Grunde nur vier Sterne.
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