Adolf Eichmann hat jahrelang völlig unbehelligt im Kreise ehemaliger "Kameraden" in Argen-tinien gelebt, bevor er seine unfreiwillige Reise nach Jerusalem antrat. Sein Aufenthaltsort war, so zeigt es die Autorin, auch keineswegs völlig unbekannt, zumindest konnte derjenige, der einige Nachforschungen in den alt- oder neonazistischen Kreisen auf sich nahm, ihn auch herausfinden. Die Frage ist nur: Wer wollte das wirklich? Eichmann kannte viele Leute, die wiederum ihn nun plötzlich (spätestens nach seiner Entführung 1961) alle nicht mehr gekannt haben wollten. Besser also, er bliebe da, wo er ist...
Die Autorin schildert nun eindrücklich, wie Eichmann sich mit einer Rolle als selbständiger Kaninchenzüchter oder Lagerarbeiter bei Mercedes Argentina S.A. keineswegs zufrieden geben wollte. Zwischen 33 und 45 war er eben nicht der unbedeutende "kleine" Bürokrat gewesen, als den er sich in Jerusalem vorstellte, und nach 1945 wollte er zumindest ein Stück weit wieder eigene Machtausübung genießen. Mehr noch: Das "Dritte Reich" mochte untergegangen sein, aber der mörderische Kampf zwischen Ariern und Juden ging in Eichmanns Denken weiter, auch wenn er nur noch seine Worte - mündlich und schriftlich - als Waffe einsetzen konnte. Das war aber mehr als genug. Das geeignete Forum dafür war eine Runde "alter Kameraden" - die waren Mitglieder der SS gewesen -, die sich bei dem windigen Schriftsteller Sassen zum regelmäßigen Austausch trafen. Die meisten Teilnehmer der Gesprächsrunde, aus der, so der Plan, ein Buch über die letzte "Wahrheit" der Judenverfolgung entstehen sollte, waren der Ansicht, dass wenn der Genozid überhaupt stattgefunden hat, dann doch in erheblich geringerem Ausmaß als von den Gegnern behauptet, ja dass die Vernichtung der europäischen Juden eigentlich das Produkt einer Verschwörung gewesen sei, die "am Führer" vorbeigelaufen sei und deshalb auch der Idee eines "wahren Nationalsozialismus" letztlich nichts anhaben könne. Aber hier spielt Eichmann nicht mit: Nein, so erklärt er kategorisch (und redet sich hier, ohne es schon zu wissen, im wahrsten Sinne um Kopf und Kragen), er habe in Absprache und auf Befehl Hitlers den Genozid organisiert und überwacht, die Auslöschung dieser "minderwertigen" und zugleich über alle Maßen gefürchteten "Rasse" sei keineswegs ein Versehen gewesen, sondern stelle vielmehr den Kern des Nationalsozialismus selbst dar. Die Kameraden sahen sich in ihren Hoffnungen auf den Erhalt ihrer Lebensphilosophie betrogen, ein politischer Neustart in der ein paar tausend Kilometer entfernten Bundesrepublik schien Ende der 50er Jahre ohnehin nicht mehr machbar.
All dies, das heißt den Ablauf und die Ergebnisse der sogenannten "Sassen-Gespräche", die schließlich das Kernstück der "Argentinien-Papiere" bilden, schildert die Autorin souverän, gestützt auf ihre lange, aufwendige und pionierartige Forschungsarbeit. Sie zeigt vorbildlich, dass wissenschaftliches Arbeiten und engagiertes Eintreten für Gerechtigkeit aufs Beste zusammen gehen können. Diese Arbeit ist ein Vorbild für jeden Studenten der Geschichte (und nebenbei kann er/sie auch noch lernen, wie man richtig zitiert!).
Dann aber, im letzten Viertel des Buches, wenn es um die Zeit nach dem Tod Eichmanns (1962) geht, breitet die Autorin unendliche und unendlich langweilige Ausführungen über die verschiedenen Quellen, das heißt die X Fassungen der Transkriptionen der Sassen-Tonbänder, vor dem Leser aus, der sich immer häufiger in der Versuchung sieht, den dicken Band einfach auf Nimmerwiedersehen in den Bücherschrank zu verbannen. Ob die Skripte in Oberösterreich nun aus der Kopierlinie der LIFE-Ausgabe stammen oder nicht, ob sie nun 659 oder 695 Seiten umfassen oder ob wir es mit einem "Zahlendreher" zu tun haben, diese Frage mag die Autorin aufregend finden, der Leser - nicht! Dessen, was der Autorin zunächst souverän gelungen ist, nämlich Wissenschaft für den interessierten Laien verständlich und spannend darzustellen, geht der letzte Teil des Buches verlustig, als ob alle Kraft für die ersten 400 Seiten (von 540) verbraucht worden ist.
Aus diesem Grunde nur vier Sterne.