"Eichmann" ist ein ausgezeichneter Film, der den ehrgeizigen Anspruch hat, Adolf Eichmann so realitätsnah wie möglich zu porträtieren. Die Schwierigkeit dabei ist, dass die zugrunde liegenden Aussagen Eichmanns, die während seiner Befragung in Israel 1960-1961 durch den Polizisten Avner Less entstanden, voller Widersprüche sind. Eichmanns Verteidigung basierte auf seiner Behauptung, er habe nur Befehle befolgt und zu keinem Zeitpunkt den Tod eines Juden angeordnet oder selbst einen Juden getötet. Mögliche Zeugen, die das Gegenteil hätten aussagen können, gab es nicht mehr. Nach Ansicht der Israelis war Adolf Eichmann die ausführende Kraft des Holocaust und damit direkt verantwortlich für den Mord an Millionen von Juden.
Die Aufgabe von Less war es, die Widersprüche in Eichmanns Aussagen aufzudecken, Beweise zu sammeln und von ihm ein Geständnis zu erwirken.
In dem Film erfährt man auch von dem emotionalen Aufruhr in Israel, der durch die Prozessvorbereitungen entstand. Es gab viele Menschen, unter anderem Less` Ehefrau Vera, die der Meinung waren, dass ein Nazi-Verbrecher wie Eichmann keinen Prozess verdient habe, zumal es in Israel keine Todesstrafe gab.
Eichmann wird als lustgetriebener Mann gezeigt, der neben seiner Frau zahlreiche Geliebte und Affären hatte. Zwei besonders brisante Beziehungen, mit einer schönen österreichischen Jüdin, die gerade von ihrem SS-Ehemann geschieden worden war, und der ungarischen Baronin Ingrid von Ihama (deren Familienname aus nachvollziehbaren Gründen garantiert anders lautete), mit der Eichmann gemeinsam Selbstmordringe aus 300 Gramm Zahngold fertigen ließ, verbinden für den Zuschauer die Motive Sex und Tod, die für Eichmann charakteristisch sind.
Mehrmals sagt Eichmann zu Less, dass sie sich sehr ähnlich sind. Beide sind Väter, Ehemänner von Frauen, die beide Vera heißen, beide stehen im Dienste des Staates und für beide ist die Erfüllung ihrer Pflicht das oberste Prinzip.
Doch ist es gerade die Gegenüberstellung von Less und Eichmann, die die Unterschiede zwischen den Männern verdeutlicht. Stoisch wiederholt Eichmann, er habe Loyalität gegenüber dem Führer geschworen, daher habe er alle Befehle, so grausam sie auch waren, befolgen müssen.
Im Verlauf des Films zeigt es sich dann aber, dass dies nicht seine Motivation war, sondern sein Alibi.
Der Druck auf Less während der Befragungen ist enorm: die Gegenwart des Massenmörders, die Erwartungen seiner Vorgesetzten, ein Kollege, der geheime Informationen an die Presse weiter gibt, die Übergriffe der Bevölkerung und das Unverständnis seiner Ehefrau, die sich von ihm im Stich gelassen fühlt. Dennoch gelingt es Less mit Beharrlichkeit, das Lügengebäude Eichmanns an mehreren Stellen zu durchbrechen.
Der Film ist ein Drama, der zwar auf sorgfältig recherchierten Fakten basiert, aber - im Grunde wie "Der Untergang" auch - eine Fiktion ist und eben kein Dokumentarfilm. Vielleicht sind nicht alle Details vollkommen richtig (Beispielsweise in dem kurzen Ausschnitt der Rede Himmlers, in der er seinen Generälen die Anweisung gibt, nichts über den Holocaust zu schreiben. Im Original verbietet er ihnen, darüber zu sprechen. Von Himmler selbst gibt es keinen einzigen schriftlichen Befehl zur Vernichtung der Juden). Und da ist die grundsätzliche Schwierigkeit, einen Charakter darzustellen, der offenkundig ein Meister der Verdrängung und der Lüge ist.
Aber die britisch-ungarische Produktion ist mit viel Aufwand entstanden, die Schauspieler sind exzellent (u.a. Thomas Kretschmann, Franka Potente und Stephen Fry), und sie ist ein aufrichtiger und gelungener Versuch, einen Einblick in ein schwieriges und komplexes Stück Geschichte zu vermitteln.
Auszüge aus den Protokollen der Vernehmung Eichmanns durch Less können nachgelesen werden in "Eichmann interrogated: Transcripts from the Archives of the Israeli Police" (Amazon.com).
Ob es nun so ist, dass es auf der Welt viele wie Eichmann gibt (Schlussfolgerung des Films) oder Adolf Eichmann einmalige Charakterzüge besaß, kann letztlich nicht beantwortet werden. Aber wen das Thema interessiert, dem empfehle ich, Artikel über Eichmanns psychologisches Profil zu lesen, das von Dr. Istvan S. Kulcsar mithilfe von sieben verschiedenen Tests erstellt wurde (beispielsweise bei Spiegel Online vom 14.11.1966). Einer der Tests wurde von Leopold Szondi durchgeführt (siehe Eintrag auf Englisch im Szondi Forum), der Eichmann als einzigartig von 6.000 untersuchten Personen auswies.
Als Bonusmaterial gibt es noch ein 25-minütiges Making Of (leider nur auf Englisch ohne Untertitel) mit den Schauspielern, dem Drehbuchautoren Snoo Wilson und dem Regisseur Robert Young. Die Originalsprache des Films ist Englisch, die deutschen Untertitel kann man bei der Fassung nicht ausblenden.