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In der Tat, ein Millionen-, ein Welterfolg: Als der Roman ein Jahr später unter dem Titel Ehepaare in deutscher Übersetzung erschien, hatte das Werk in seinem Heimatland schon millionenfache Verbreitung gefunden. Auch international, auch in Deutschland, verdankt der Autor diesem Buch seinen Durchbruch, seine Berühmtheit und seinen Ruf als Meister in der detaillierten Darstellung erotischer Szenen.
Dabei sollte die Geschichte mehrerer Ehepaare aus der fiktiven Kleinstadt Tarbox in Neuengland, nahe Boston, ursprünglich nur eine Erzählung werden. Updike hatte zwar seit 1959 schon vier Romane publiziert, darunter Rabbit, Run (1960, deutsch 1962 unter dem Titel Hasenherz), doch eigentlich galt er und empfand sich selbst als Erzähler kurzer Prosa, als Mann der Shortstory. Bei dem etablierten und ambitionierten Magazin The New Yorker hatte sich der junge Familienvater seine ersten Sporen verdient und den Lebensunterhalt für sich und die Seinen (binnen weniger Jahre kamen bei den Updikes vier Kinder zur Welt).
Tatsächlich war es in den fünfziger und sechziger Jahren noch möglich, sich allein mit Erzählungen über Wasser zu halten: Seine Geschichten hätten ihn von seinem 23. Lebensjahr an gut ernährt, erzählte Updike in einem Interview. Zu einer finanziell gesicherten Existenz trug auch der Entschluss des Ehepaars Updike bei, aus der teuren Stadt New York wieder fortzuziehen und sich in der ländlichen Gegend Neuenglands, in der Nähe von Boston, niederzulassen. Ipswich, Massachusetts, war der neue Wohnort, und es dürfte nicht verfehlt sein, in dieser kleinen Stadt das Vorbild für Tarbox, den Schauplatz des Romans Ehepaare, und in ihren Bewohnern die leibhaftigen Modelle für die Romanfiguren zu erblicken.
Als Gruppe hatten wir eine herrliche Zeit, junge Erwachsene in Ipswich, die ihre Kinder mehr oder weniger geistesabwesend großzogen und ihren Berufen in ziemlich der gleichen Weise nachgingen, so hat es Updike viele Jahre später beschrieben. Selbst seine Schriftstellerei sei hier nicht als etwas Außergewöhnliches aufgefallen. Es war die Zeit eines wachsenden Wohlstands, einer neuen Unbeschwertheit, die Zeit von Partys, Twist und Pille. Oder wie es im Roman Ehepaare heißt: Sie hatten gelitten unter den starren Ehen und konventionellen Ausflüchten ihrer Eltern, und nun schwebte ihnen die vollkommene Aufrichtigkeit vor, die aus dem unbefangenen, freimütigen Umgang mit anderen Paaren gedeihen sollte.
Denn das ist das Zentrum dieses Romans: die paarüberschreitende Ausübung von Sexualität. Der Ehebruch, der offene oder geheime Betrug des Partners, war als literarisches Sujet gewiss nichts Neues, und auch Updike hatte schon zuvor dieses Motiv genutzt, bevor er es in diesem Roman auf die Spitze trieb und das Fremdgehen als Ritual einer neuen Mittelschicht vorführte, als inszenierten Liebesreigen bis hin zum Partnertausch. Der Roman Ehepaare ist die Bibel des modernen Ehebruchs bei seinem Erscheinen eine ungeheure Provokation, von heute her gesehen ein großartiges literarisches Dokument. Denn Updike beschwört einen längst historisch gewordenen Augenblick, eine in seinen eigenen nachträglichen Worten verschwommen glückliche Zwischen-Zeit, nachdem Pille und Spirale den Sex von der Angst vor Schwangerschaft befreit hatten und bevor Aids ihn an die Kette der Todesfurcht legte. Die Kunst dieses bedeutenden Erzählers besteht nun darin, die ehebrecherischen Liebesakte (und auch solche innerhalb der Ehe) sehr direkt zu schildern, ohne sie dem pornografischen Blick auszusetzen. Das gelingt, indem er Sexualität als ein Körper, Geist und Seele gleichermaßen ergreifendes Phänomen darstellt zugleich aber auch als ein menschliches Ritual unter vielen anderen des familiären und beruflichen Alltags.
Updike lässt sich Zeit, er demonstriert anfangs eine geradezu herausfordernde epische Ruhe. Das Ehepaar Hannema, der Bauunternehmer Piet und seine Frau Angela, kehrt zu Beginn des Romans von einer Party zurück, die zu Ehren eines jüngst in die Stadt gezogenen Paares gegeben worden ist. Die Hannemas unterhalten sich, während sie zu Bett gehen, über die beiden Neuen, Ken Whitman und seine Frau Foxy, über die eigenen Kinder, über sich selbst und das unzuverlässig gewordene Eheglück die unbeholfene sexuelle Annäherung des Familienvaters wird nicht nur an diesem Abend zu keinem Erfolg führen.
Die Ehen der sich regelmäßig auf Partys treffenden Paare aus Tarbox sind zumeist noch in den fünfziger Jahren, zur Zeit der Eisenhower-Präsidentschaft geschlossen worden (Jede Heirat ist eine Spekulation mit ungewissem Ausgang), nun ist die Kennedy-Ära angebrochen und bald auch schon wieder jäh vorbei: Der Präsidentenmord rückt am Ende des Romans in den Blick und setzt einen melancholischen Akzent; der Roman spielt weitgehend im Jahr 1963. Es werden die Platten von Chubby Checker (Lets Twist Again) und Connie Francis aufgelegt, und beim Tanz üben sich manche darin, neue heimliche Paarungen anzuzetteln. Es ist eine saturierte Welt: Die Männer hatten mit dem Karrieremachen aufgehört und die Frauen mit dem Kinderkriegen. Alkohol und Liebe waren übriggeblieben.
Und doch würde man den Roman gründlich missdeuten, wenn man ihn als Plädoyer für puren Hedonismus, für den Lebensstil einer nur dem Diesseits und der schnellen Lusterfüllung zugeneigten Gruppe verstünde. Die Abgründe zeigen sich schnell, Updikes Menschen werden von Ängsten, Jenseitsgedanken und nächtlichen Panikschauern gequält. Das zeigt sich besonders in der Figur des so gar nicht ruppigen Bauspezialisten Piet, dem Updike nicht nur besonderes Augenmerk widmet, sondern der ganz deutlich auch den Bauherrn des Romans selbst ein Stück weit repräsentiert. Dein Beruf ist es zu bauen, liest Piet in einem der vielen Liebesbriefe seiner Geliebte, jener Foxy, der neuen Bewohnerin von Tarbox, die sich ihm, wie es andere Ehefrauen im Ort auch getan haben, schnell und entschieden angeboten hat, und Du hast wunderbar gebaut in mir, mein einziger Geliebter.
Doch Piet fühlt das eigene Fundament immer wieder wanken, seit 1949 seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Er betete, und seine Gedanken schnellten von der unbegreiflichen Tatsache, daß seine Eltern tot waren, zu der unbegreiflichen Gewißheit, daß er selber würde sterben müssen eine Gewißheit, die das weiße, wohlgefügte Holz und die leuchtenden hohen Fen¬ster neben ihm leichtfertig zu leugnen schienen. Besonders des Nachts im Ehebett liegt er schlaflos und wie erschlagen angesichts der Einsicht, wie brüchig alles um ihn her ist: Er fühlte einen feinen Luftzug auf seinem Gesicht, der aus irgendeinem Winkel seines behaglichen Hauses kommen mußte: ein Doppelfenster, das nicht richtig eingehakt war, ein Riß in der Isolierfolie unterm Dach, ein Mörder, der gerade eine Tür aufbrach.
Updike beherrscht diese kleinen Bewusstseinssprünge, diese Gedankenfluchten meisterhaft. Er blickt in die Herzen seiner Figuren, in diesem Roman als allwissender Erzähler, der freilich nicht gottgleich von oben herab, sondern zumeist aus der Perspektive unterschiedlicher Personen kommentiert und beobachtet. Nur ganz selten spricht er als Chronist, etwa wenn er im ersten von fünf Kapiteln über die Stadt sagt: Ein goldener Hahn drehte sich hoch über Tarbox. Dass der Kirchturm der Kongregationskirche so früh ins Bild rückt, hat einerseits mit der Bedeutung zu tun, die das Gotteshaus in einer ländlichen amerikanischen Kleinstadt bis heute hat, auch mit der Sehnsucht der Romanfiguren (und des Autors) nach Transzendenz, andrerseits ist dabei deutlich ein blasphemisch-ironischer Unterton im Spiel: Der Turm, auf dessen Spitze sich der Hahn dreht, ist hier zugleich ein Phallussymbol, ein frivoler Fingerzeig auf das, was sich unten in der Stadt abspielt (das englische Wort für Hahn, cock, bedeutet umgangssprachlich auch Penis).
Willkommen im Pillen-Paradies, sagt die erste Geliebte Piets, als er besorgt nach Verhütungsmaßnahmen fragt. Doch dieses Paradies kennt schon bald Verlierer: nämlich diejenigen, die sich in den Liebesreigen nicht einzureihen vermögen und, wie Piets Ehefrau Angela, an sich selber zweifeln statt an der neuen Sexgläubig¬keit, die teilweise Züge eines Religionsersatzes annimmt. Ich will mit niemandem ins Bett gehen, sagt Angela eines Abends trau¬rig zu ihrem Mann. Ich komme mir überhaupt nicht wie eine richtige Frau vor. Ich bin irgendein freundliches Neutrum, dem als eine Art Scherz dieser Sex-Appeal angehängt ist. Das schließt Eifersucht nicht aus, wie Piet erfahren muss, im Gegenteil, doch dem Sex in der Ehe hilft auch das nicht mehr auf.
Updikes Roman ist alles andere als ein Jubelruf angesichts der neuen erotischen Freiheiten der sechziger Jahre, zu gut schaut der Autor hin, zu mitfühlend vermag er das Drama einer scheiternden Ehe nachzuzeichnen. Den immer wieder im Ansatz missratenden Liebesakt von Piet und Angela schildert er mit psychologischem Scharfsinn als belastet von Erinnerungen an seine Unbeholfenheit und ihr Unvermögen, Unbeholfenheit zu ertragen; von dem Bedürfnis nach Zartgefühl und der Irritation, die das Flehentliche, das im Zartgefühl liegt, bei ihr hervorrief; von der Verachtung, die sie sowohl seinem pyjamadrapierten Werben wie seiner nackten Wut entgegenbrachte; von seiner hilflosen Durchschaubarkeit und ihrer undurchschaubaren Enttäuschung.
So lässt sich Piet um so mehr von seiner neuen Geliebten Foxy beeindrucken und genießt deren Oralsex-Aktivitäten (die langen zärtlichen Meditationen ihres Mundes über seinem Phallus, von denen er nie auch nur zu träumen gewagt hätte) gewagte Szenen auch deswegen, weil die junge Frau, als sie sich Piet ins Bett holt, schwanger ist und ein Kind von ihrem Ehemann Ken erwartet. Früh deutet sich an, dass Ehen auch in der Zeit gegenseitig zugestandener Freiheiten scheitern können, dass aus außerehelichen Beziehungen wieder neue Ehen entstehen werden. Am Ende wird auch der Kirchturm am Boden liegen, ein Brand nach Blitzeinschlag hat die schöne alte Holzkirche in Schutt und Asche gelegt: Der goldene Hahn allerdings kann geborgen werden.
Der Ehebruch, hat Updike schon vor längerer Zeit wissen lassen, sei ein Thema, das, falls ich es nicht erschöpft habe, wenigstens mich erschöpft hat. Das sei nicht nur so, wie er mir in einem Gespräch sagte, weil ich persönlich davon immer weniger verstehe, sondern weil das Thema heute überhaupt nicht mehr die Bedeutung habe, die es einmal für seine Generation hatte. Für uns war das geradezu eine betörende Sache die Reichen haben es ja immer schon getan. Für die Mittelklasse aber war es neu, genug Polster zu haben, um sich den Luxus erlauben zu können, eine andere Person als den eigenen Ehepartner zu begehren. Mein Roman Ehepaare beschreibt diesen historischen Augenblick, der lange vorbei ist. Heute heiratet man später, hat jede Menge Sex vor der Ehe.
Manche Updike-Leser mögen die später aus dem frühen Hasenherz-Roman erwachsene Rabbit-Tetralogie höher schätzen (im Zehnjahresrhythmus folgten die Bände Unter dem Astronautenmond, Bessere Verhältnisse, Rabbit in Ruhe), aber der Roman Ehepaare bleibt nicht nur einer der besten erotischen Romane des 20. Jahrhunderts (so Kindlers Neues Literatur Lexikon), sondern überhaupt dasjenige epische Werk, das die erzählerischen Fähigkeiten und Qualitäten dieses Autors am besten bündelt und zum Tragen bringt: eines unerschrockenen Porträtisten der weißen Mittelklasse, eines teilhabenden Zeugen, der das Beobachtete in leuchtenden Sprachstil umzusetzen weiß (nicht nur in diesem Fall kongenial von Maria Carlsson ins Deutsche hin¬übergerettet).
Mittlerweile zählt Updike, dieser fleißige Schriftsteller, der aus Pennsylvania stammt und seit langem in Massachusetts lebt (heute mit seiner zweiten Frau), längst zu den großen alten Männern der US-Literatur. Mehr als 20 Romane hat er bisher verfasst und rund 200 Erzählungen veröffentlicht, von Kinderbüchern, Gedicht- und Essaybänden ganz zu schweigen. Und allen literarischen Abstinenzabsichten zum Trotz kehrt er, und sei es im Rückblick auf die verlotterten Sechziger, doch immer wieder gern einmal zu seinem Lebens- und Lieblingsthema zurück, so zuletzt in seinem Roman Villages (2004; deutsch: 2006 unter dem Titel Landleben). Die Helden sind mit ihrem Autor gealtert, üben sich in Abwehr der Senilität, aber unvergessen sind jene Jahre, als jeder sündigte, sogar die Regierung.
Nachwort von Volker Hage zu Ehepaare. SPIEGEL-Edition Band 6
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Updike beschreibt ein Beziehungsgeflecht aus dem amerikanischen Mittelstand zwischen ca. zehn in einer Kleinstadt lebenden Ehepaaren. Die Ehemänner in überwiegend guten Berufen (Zahnarzt, Pilot, Bauunternehmer, Chemiker usw.), die Ehefrauen beschäftigt mit Kindern und Haushalt, sowie mit diversen ehrenamtlichen Tätigkeiten, nahezu alle Protagonisten sympathisieren mit den Republikanern. Updike stellt reihum einige der Paare in den Mittelpunkt und beschreibt die emotionalen und sexuellen Verflechtungen unter diesen Paaren. (Zwischendurch hatte ich mir gewünscht, von Anfang an ein Beziehungsdiagramm mitzuzeichnen, da es mir immer wieder Schwierigkeiten machte, wer denn nun eigentlich mit wem alles zur Seite gesprungen ist.)
Obwohl der Roman 36 Jahre alt und der Inhalt die Zeit vor über 40 Jahren zeigt (thematisiert wird bspw. die Ermordung Kennedys), wirkt das Buch an keiner Stelle verstaubt oder veraltet. Die psychologischen Ansätze sind meisterhaft. Eine Sympathie mit all den Ehebrechern bleibt zwischendurch aufgrund der Schreibkunst Updikes nicht aus. Mir ging es jedenfalls so. Updike schildert und psychologisiert, hebt aber weder mahnend den Zeigefinger noch stellt er sich allzu sehr auf die Seite seiner Figuren. Wahre Gefühle bleiben jedoch früher oder später auf der Strecke.
Für mich steht dieses Buch über den Rabbit-Romanen und früher oder später werde ich es wieder lesen. Ein ganz großer Roman, der es verdient hätte, mal wieder in den Mittelpunkt des Interesses gestellt zu werden.
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