Lange Zeit habe ich danach gesucht: große griechische Literatur.
Ernstzunehmende Literatur mit Bezug zu Griechenland scheint in zwei Gruppen zu fallen: moderne, ambitionierte, leichte Kost (wie Karyistiani oder Karnezis) oder aber die hochwertigen älteren Reiseberichte (wie Henry Miller, Leigh Fermor, Andrews). Ausser Katzanzakis fand ich bisher keine grosse griechische Literatur.
Und dann die literarische Entdeckung des Jahres!
Emmanouil Roidis lebte um die Jahrhundertwende, wuchs begütert auf und genoß einer hervorragende Ausbildung. Er war sowohl in der antiken griechischen als auch in der europäischen Literatur der Neuzeit außerordentlich belesen und flicht immer wieder Verweise in seine Erzählungen ein.
Die 14 Erzählungen des Bandes haben eine Länge von 7 bis 107 Seiten und spannen einen weiten thematischen Bogen. Sein Stil ist klassisch, nicht immer ganz einfach zu lesen, trotzdem leicht, witzig, immer ein wenig sarkastisch.
Von anderen Bewunderern wird er mit Voltaire verglichen - ein grandioser Anspruch! Mich erinnert er an manchen Stellen auch an Cechow - und auch das ist ein Lob aus der höchsten Schublade.
Die Ausgabe von Manesse ist gut wie gewohnt. Zahlreiche hilfreiche Verweise, ein ausgezeichnetes Nachwort von Tilman Spengler helfen dem Verständnis. Die Übersetzung wirkt auf mich sehr gelungen, an manchen Stellen fand ich es etwas mühsam, dem Erzählfaden zu folgen. Die Übersetzung aus dem Katharevoussa (Vorläufer des modernen Neugriechisch) ist als sehr schwierig bekannt.
Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum nicht mehr Erzählungen in's Deutsche übersetzt wurden. Auch im Englischen wird man übrigens bisher nicht fündig.
Die in diesem Band übersetzten Erzählungen würde ich mir nicht entgehen lassen!