Eigentlich dürfte es in unserer heutigen Zeit nichts wichtigeres geben als ein Buch mit dem Titel "Ehe-Alphabet". Wird uns doch angesichts Scheidungsraten von mehr als 50 % klar, dass an dem ganzen System etwas nicht stimmen kann bzw. dass die involvierten Personen (d.h. die Ehepartner) mit dem Thema nur schwer zurechtkommen.
So beschreibt das Buch denn auch viel Richtiges und regt in mancherlei Hinsicht zum Nachdenken an.
Kernpunkt der Ehe, auch nach christlichem Verständnis, ist jedoch das besondere Miteinander zwischen Mann und Frau. Doch anstatt hier auf die große Verantwortung beider Partner für ein gemeinsames glückliches Sexualleben im Rahmen der Ehe hinzuweisen, bleibt in erster Linie mal wieder alles am Manne hängen.
So wird dem Manne wieder einmal vorgehalten, dass sich viele Frauen durch die Impotenz ihres Mannes gekränkt, entwürdigt, beleidigt fühlen etc.
Natürlich ist es Stil des Buches, dass sich in einem solchen Falle die liebevolle Partnerschaft als Lösung des Problems anbietet. Doch anstatt den Leser beim Thema Impotenz unverzüglich zum Arzt zu verweisen, wird dem Paar ein geschlechtliche Enthaltsamkeit verordnet. Dies nimmt zwar den ersten Druck und die Ängste vor dem Versagen, löst jedoch nicht das Problem sondern schiebt es auf die lange Bank - ganz im Widerspruch zum Tenor des übrigen Buches, Probleme offen anzusprechen.
Als Ursachen für die Impotenz des Mannes gibt die Autorin kindliche Traumata etc. an. Von etwaigen körperlich-medizinischen Indikationen ist nicht die Rede. Im Gegenteil, evtl. Hormonmangel sollen vielmehr als "schicksalhafte Verordnung in kluger Einsicht angenommen" werden.
Ähnlich geht es zu, wenn über die Frigidität der Frau gesprochen wird.
Auch hier wird das Trauma aus der Kindheit als Generalentschuldigung ins Feld geführt und die Verantwortung der Frauen für den eigenen Körper an eine Über-Instanz aus jungen Jahren weitergereicht.
Tritt die Frigidität erst während der Ehe auf, ist nach dem Buch der Mann daran schuld, da er die Liebe seiner Frau in fundamentaler Weise verletzt habe.
Natürlich es klar, dass eine Frau, die geschlagen, vergewaltigt, gedemütigt, betrogen und vernachlässigt wird, keine Lust mehr auf Sex mit diesem schrecklichen Partner hat - hier endet jede Diskussion.
Doch es kann doch nicht sein, dass eine Frau auch wegen solchen Dingen, jegliche Lust auf ihren eigenen Körper verliert. Ebensogut könnte die Frau z. B. ihr Riech- oder Sehvermögen verlieren und kein Mensch würde auf die Idee kommen, dass dies auf den schrecklichen Eheparter zurückzuführen ist.
Und auf eine spiegelbildliche Betrachtung, dass nämlich auch der Mann durch die Frigidität der Frau "gekränkt, entwürdigt, beleidigt" sein könnte müssen wir natürlich verzichten.
Der Grundgedanke, der hier verbreitet wird, macht den Mann komplett allein für das seelische, körperliche und natürlich auch sexuelle Wohlempfinden der Frau verantwortlich. Ist also die Frau frigide hat sich der Mann den Kopf zu zermartern, was er wohl falsch gemacht haben könnte. Die Frage gar, wie die Frau selbst zu ihrer eigenen Sexualität steht wird vollständig ausgeklammert.
An anderer Stelle wird sogar die Thematisierung des Orgasmus der Frau als "verhängnisvolles Getöse" abgetan. Ein Orgamus der Frau wird sogar als Rückschritt in die infantile Sexualität bezeichnet und als künstliche Anpassung an das männliche sexuelle Erleben. Ein solcher Rückschritt sei allenfalls bei Frauen anzutreffen, die "Onanistinnen" waren.
Spätestens hier wird deutlich, dass der Inhalt des Buches deutlich überholt ist und lediglich einer verklemmten und träumerisch-romantischen Epoche der Sexualprüderie entstammt.