Andreas Kilian spricht aus, was Biologen wissen, aber nur selten und wenn hinter vorgehaltener Hand sagen. Auch in der Wissenschaft gibt es diplomatische Vereinbarungen, worüber besser nicht laut spekuliert werden sollte. Wir sind nackte Schimpansen und Egoisten, das ist nichts Neues. Auch dass unsere Gene einen weitaus stärkeren Einfluss auf unsere Lebensläufe nehmen, als wir annehmen, ist den meisten Lesern wahrscheinlich schon bekannt. Hier gibt der Autor eine schöne Einführung und Ergänzung zu dem egoistischen Gen von Richard Dawkins.
Andreas Kilian geht aber weiter. Er bricht Konventionen. Es gibt Erklärungen für den Krieg, die anscheinend niemand hören will. Denn auch Kriege sind nur Kooperationen zwischen Individuen, die sich anderer Gruppenmitglieder bedienen. Da werden nicht nur Feinde getötet, sondern auch bewusst eigene Gruppenmitglieder verheizt. Erst aus dem Wechselspiel, wer von der eigenen Gruppe und vom Feind als lebensfähig akzeptiert wird, ergibt sich die Selektion. Und was wurde nicht alles über die Entwicklung des aufrechten Ganges beim Menschen erzählt. Wir gehen aufrecht, weil wir dann beide Hände frei haben und handwerken können? Damit sich unser Gehirn entwickeln konnte? Mit diesen anthropozentrischen Erklärungen räumt der Autor auf. Nein, der aufrechte Gang ist genau das, was er bei allen anderen Tierarten auch ist: Eine Drohgebärde, um die eigenen Gruppenmitglieder einzuschüchtern und sich mit Aggression Fortpflanzungsvorteile zu sichern. Hierfür führt der Autor überzeugende Beispiele aus unserem Sexualleben und unserem neotenen Aussehen an.
Auch mit einigen Annahmen über die Homosexulaität räumt der Autor auf. Er fragt nach dem cui bono, wem nützt es? Und den Nutzen haben in der Evolution die Vererber einer Eigenschaft: Also die Mütter, die ihre Kinder wie Schachfiguren für ihre eigenen, wenn auch unbewussten, Interessen einsetzen.
Schön ist in diesem Buch auch zu lesen, das unsere pleistozänen Hierarchien sich nicht nur bis in das Feudalsystem des Mittelalters gerettet haben, sondern auch heute noch präsent sind. Wir üben Selektion auf einander aus. Wir wählen nicht nur Sexuapartner aus und schließen andere von der Fortpflanzung aus. Wir lassen unsere Mitmenschen auch unbarmherzig sterben, weil wir in harten Wintern einfach wegsehen, wenn die Schwächsten der Schwachen von uns gehen. Es hat sich in letzten zwei millionen Jahren anscheinend nicht viel geändert.
Die Entstehung der instituionalisierten Religion wird vom Autor als pleistozäne Beta-Tier-Strategie innerhalb der Gruppe diskutiert. Damit verweist er auf den stärksten Selektionsfaktor in unserer Evolution: Das Verhalten unserer Artgenossen. Zum Schluss diskutiert Andreas Kilian die erschreckenden Analogien zwischen unserem Territorialverhalten, unserem Privateigentum sowie unserem Geldsystem. Das Buch endet mit der Forderung nach neuen Spielregeln, wenn wir uns nicht weiterhin wie die Affen gegenseitig selektieren wollen.
Fazit: Je nach Geschmack ist es vorteilhaft oder mühsam, dass die Literaturangaben nicht beim Lesen stören. Wer etwas nachlesen möchte, der sollte sich in der weiteren Literatur auskennen. Wer nur Informationen und fachliche Unterhaltung haben möchte, der wird auf eine interessante Reise durch die Biologie eingeladen. Der Text ist flüssig und verständlich geschrieben, zuweilen aber etwas biologielastig. Alles in allem ist der Autor ein Querdenker, der auch über den Tellerrand zu anderen Fachdisziplinen schaut und auch vor dem Schritt in die soziale Verantwortung der Wissenschaft nicht halt macht. Für Leser, die auch mal über alternative Interpretationen abseits des diplomatisch-universitären Mainstreams denken wollen, ist das Buch sehr empfehlenswert.