Oft ist es nun so, dass die einzelnen Ich-Zustände verschiedene Interessen haben und miteinander in Konflikt geraten. Was bei gesunden Menschen zu einem leichten inneren Unwohlsein führt, bewirkt bei anderen schwere Ängste, Depressionen, eine Vielzahl von Symptomen oder sogar unangepasste Verhaltensweisen. Hier hilft die Ego-State-Therapie, die verschiedenen Ich-Zustände und ihre Funktion zu erkennen, die Konflikte aufzudecken und eventuell aufzulösen. Damit verschwinden dann in der Regel auch oft die Symptome.
Die beiden Autoren gelten als Pioniere der Ego-State-Therapie. Neu ist sie nicht - frühe Überlegungen stammen bereits aus den 70er Jahren. Sowohl Neurosen als auch schwere Störungen konnten die Autoren mit dieser Methode erfolgreich behandeln, die Techniken hierzu stellen sie in dem vorliegenden Buch vor. Angeblich können bereits acht bis zwölf Therapiestunden dauerhafte strukturelle Persönlichkeitsversänderungen bewirken und lebenslang andauernde Störungen lösen. Dies ist natürlich sehr im Interesse sowohl der Patienten als auch der Kostenträger und der Gesellschaft.
Es ist ein Ansatz, der Psychoanalyse, Hypnose und uraltes schamanisches Wissen vereint und dies eröffnet immense neue kreative Möglichkeiten der Behandlung. Dabei wird das, was der Patient mitbringt, nicht bekämpft, in Frage gestellt oder sogar korrigiert, sondern anerkennt und genutzt. Therapeut und Patient arbeiten partnerschaftlich miteinander.
Geradezu spannend sind die aufgeführten Fallbeispiele: Man sieht förmlich die Patientin Carly ihren imaginierten inneren Tisch ausziehen, um mehr Platz für weitere Teilpersönlichkeiten zu schaffen. Kleine Zeichnungen erläutern das Gesagte zusätzlich. Die Exzerpte aus den Therapiesitzungen zeigen sehr deutlich die Stimmung in den Sitzungen, die Art der Ansprache und die Interaktion zwischen Patient und Therapeut. Der Autor bemerkt selbst, dass die theoretische Darstellung einer Therapie oft nicht ausreicht, um sie ausreichend zu erläutern, nachvollziehbar und in der eigenen therapeutischen Praxis anwendbar zu machen. Sondern es bedarf konkreter Fallbeispiele, Auszüge aus der Patienteninteraktion und dem Therapeuten-Patienten-Gespräch.
Das Buch ist sicher für professionelle Anwender gedacht und geschrieben. Nach Luise Reddemann finden jeder Psychotherapeut und jede Psychotherapeutin, vor allem jene, die mit traumatisierten Menschen arbeiten, zahlreiche Anregungen in dem Buch, welche die Arbeit mit ihrer Klientel sowohl erleichtern als auch bereichern können. Die gut verständliche Sprache und leicht nachvollziehbare Darstellung des Themas macht es aber auch für Menschen interessant, die einfach mehr über die Hintergründe der Ego-State-Therapie erfahren möchten. Sei es, dass sie eine Ego-State-Therapie in Erwägung ziehen oder sich bereits darin befinden, oder aus allgemeinem Interesse für die psychologische Theorie und Praxis. Faszinierend ist die vorgestellt Technik allemal! Sehr lohnende Lektüre und empfehlenswert!