Das Buch "Effizient und schneller lesen" von W. U. und R. Michelmann ist kein Buch für Menschen, die wirklich "rasend" schnell lesen lernen wollen. Es stellt ein Konzept und verschiedene Methoden für Menschen vor, die vor allem beruflich viel lesen (müssen).
Ein zentrales Element des "Michelmann-Konzeptes" ist das sog. Textbild, eine im Vergleich zu Mind-Maps (im positiven Sinne) sehr anspruchslose und schnelle Methode, graphische Notizen zu erstellen. Diese Textbilder bilden die Grundlage für die im Buch vorgestellten Schritte zur "Aneignung" von Texten: die eigenen Ziele ins Bewußtsein rufen, den Text überfliegen, Gegenkontrolle mit den eigenen Zielen, Auswahl der zu lesenden Abschnitte, usw.
Die Autoren geben sich außerdem viel Mühe, um die physiologischen Zusammenhänge rund um das Lesen gut nachvollziehbar darzustellen. Sie können hierzu auf ihre eigene langjährige Forschung und Erfahrung als Schnell-Lese-Trainer zurückgreifen. Das Ergebnis ist ernüchternd und dennoch spektakulär: Das innere Mitsprechen, das von Schnell-Lese-Gurus wie Buzan als schädlich bezeichnet wird und unterdrückt werden sollte, stellt aus Sicht der Michelmanns sicher, daß man überhaupt lesen kann. Die Lesegeschwindigkeit langsam zu steigern und dabei zu versuchen, das innere Mitsprechen zu unterdrücken, kann die Fähigkeit zu lesen zerstören und dauerhaften Schaden anrichten. Wirkliches Schnell-Lesen mit Geschwindigkeiten weit über 1000 WPM muß nach Auffassung der Autoren als eine ganz eigene Lesetechnik zusätzlich zum konventionellen Lesen trainiert werden.
Mit dem "Schneller lesen", wie es der Buchtitel verspricht, ist diese zusätzliche Fähigkeit eben nicht gemeint, sondern der Effekt, der eintritt, wenn man viel liest und dabei die physiologischen Erkenntnisse und die Hinweise für ergonomisch richtiges Lesen dieses Buches beachtet. Auch hierbei kann die Lesegeschwindigkeit schon auf das Drei- oder Vierfache gesteigert werden, was den meisten Lesern sicher genügen würde.
Mit dem "Schneller lesen" ist aber nach meiner Ansicht vor allem die Fähigkeit und Methode gemeint, seinen Lesestoff gezielt auszuwählen, nur noch das Wichtige zu lesen sowie die Lese-Ergebnisse gut strukturiert zu notieren. Hierbei kann mindestens ebensoviel Zeit gespart werden. Es geht also tatsächlich nicht um ein sensationelles Schnell-Lesen, sondern darum, Denken und Lesen zusammenzubringen, um effizient und schneller zu lesen und auszuwerten.
Nach der Lektüre verschiedener Bücher u.a. von Buzan, Scheele und Turley, die bei mir trotz aller Offenheit teilweise eher für Unbehagen gesorgt haben, war es für mich eine Wohltat, das, was ich in diesem Buch gelesen habe, sofort in meiner beruflichen Praxis einsetzen zu können. Inzwischen arbeite ich meinen Leseberg Schritt für Schritt ab und freue mich wieder über jeden interessanten Text, der auf meinem Schreibtisch landet...