Nach gut 35 Jahren wurde es wieder einmal Zeit für eine "Effi Briest"-Verfilmung, mag sich Hermine Huntgeburth gedacht haben. Nachdem ich diesen Versuch sehen musste, kann ich nur hoffen, nicht wieder 35 Jahre bis zu einer besseren Filmfassung warten zu müssen. Vor dem Hintergrund einer recht guten Kenntnis aller fünf seit 1940 entstandenen "Effi"-Verfilmungen muss ich sagen, dass diese die mit Abstand schwächste war.
Nicht die vielen kleinen Schwächen fand ich enttäuschend: nicht die wieder einmal zu alte und auch zu trotzige Effi (Gibt es keine 22-, 24-jährigen Schauspielerinnen, die diese Rolle mit Leben erfüllen?); nicht, dass gezeigt wurde, was Fontane nur andeutet; nicht die billig-plakativen Sex-Szenen (Innstetten schlecht-Crampas gut); nicht einmal das völlig neue Ende war die große Enttäuschung, sondern entscheidend für mich ist, dass die Grundkonflikte der Figuren nicht ausgelotet und ernstgenommen wurden. Grundkonflikte, die aus den Gegensätzen zwischen Menschlich-Natürlichem und Gesellschaftlichem entstehen und die nicht einfach, wie Huntgeburth empfiehlt, gelöst werden können, indem gesellschaftliche Normen ignoriert und als überholt abgekanzelt werden.
Ein Beispiel: Innstetten erschießt Crampas, und Gieshübler beschimpft ihn darauf als "vollkommen verblödeten Idioten". Diese Szene zeigt, dass die Regie die Figuren nicht erfasst hat, sondern bei der Bewertung Maßstäbe anlegt, die nahelegen, dass Innstetten, ein Bürger des späten 19. Jahrhunderts, auch nach Maßstäben des frühen 21. Jahrhunderts bewertet werden kann, weil er eine Handlungsalternative gehabt hätte. So erscheint das Duell nicht als Ergebnis einer sittengesetzlichen Notwendigkeit, sondern als das einer kleinlichen Rache, als ein durchaus vermeidbares Geschehen. Hätte der Gieshübler im Roman so gehandelt? Nein, denn der hätte gewusst, dass dem ehemaligen Landrat keine andere Wahl blieb als das Duell. Daher auch die Fontane`sche Nachsicht mit seinen Figuren, daher die Verteidigung Innstettens, zu der der Autor angesichts der wütenden Reaktionen der Leser sich nach Erscheinen des Romans genötigt sah.
Huntgeburth übersieht oder ignoriert, was die Fontane-Forschung längst weiß: dass eine Ablehnung des Duells den Vorwurf der Ehrlosigkeit und damit den Ausschluss aus der Gesellschaft eingebracht hätte. Es sind Fälle aus der österreichischen Armee bekannt, wonach Offiziere Duell-Forderungen unter Hinweis auf bestehende gesetzliche Verbote ablehnten - und anschließend wegen Feigheit den Dienst quittieren mussten. Frau Huntgeburth weiß von diesen Zwängen nicht oder will davon nichts wissen.
Und auch der Gieshübler des Romans stellt ja die gesellschaftliche Ordnung nie in Frage. Er fühlt mit Effi mit, er versucht ihre Einsamkeit durch kulturelle Erlebnisse und menschliche Nähe zu mildern - aber auch er akzeptiert die Verhältnisse, wie sie sind.
Es ist sicher daher nicht verwunderlich, dass die wichtigen Gespräche über Ehre und Moral zwischen Innstetten und Wüllersdorf in dieser Verfilmung kaum eine Rolle spielen. Gerade hier wäre es möglich gewesen, eine Effis Entwicklung vergleichbare Veränderung auch Innstetten angedeihen zu lassen: etwa in einem bewussten Verzicht auf ein Duell, auf Konvention und Ehrenkodex, auf gesellschaftliche Exklusivität.
Fragwürdige Anpassungen an den Zeitgeist kommen im Film mehrfach vor: "Warum können Frauen nicht dieselben Rechte haben wie Männer?", heißt es aus Crampas´Mund in einer Theaterprobe. Die Frage ist oft gestellt - aber falsch. Innstettens Schicksal zeigt ja gerade die Erbarmungslosigkeit einer sich als alternativlos verstehenden Haltung, die auch von Männern gefordert wird, wenn sie weiter zur Gesellschaft gehören wollen. Männer wie Frauen standen unter einem ungeheuren Druck; die moderne geschlechterdiskursive Haltung, wonach hier lediglich eine Frauen unterdrückende Epoche gezeigt werde, greift entschieden zu kurz: Wer wüsste besser als Innstetten um die Erbarmungslosigkeit der Konvention, die es dem jungen zwanzigjährigen Jura-Studenten Innstetten einst verbot, um Luises Hand anzuhalten, weil ihm noch Alter, Würde, Erfolg und Erfahrung fehlten? Daraus resultierte schließlich auch Innstettens enormer Ehrgeiz, alle in ihn gesetzten Erwartungen bestens zu erfüllen. Und dass er trotz dieses Bestrebens am Ende gescheitert gestehen muss, sein Leben sei verpfuscht, das macht ihn zu einer tragischen Figur. Innstetten handelte aus Prinzip, und er wusste, dass er falsch handelt. Also war das Prinzip falsch, und eine Verurteilung Innstettens hat mit aller Vorsicht zu erfolgen, denn die Kritik Innstettens muss zuerst eine Kritik seiner Gesellschaft sein, die kein anderes Verhalten tolerierte. Fontane wusste das. Huntgeburth nicht.
Ein anderes Beispiel: Die Lobpreisung des Kindergartens, wie sie Effi gegenüber Frau von Grasenabb vornimmt. Hier schien Ursula von der Leyen wohl allzu deutlich Patin gestanden zu haben, und wenn die Regie hier eigene politische Vorstellungen einfach auf die Filmheldin projiziert, dann muss das als misslungen bezeichnet werden. Misslungen, weil es den Figuren Fontanes nicht gerecht wird, weil es ihre Konflikte banalisiert, sich selbstgerecht über sie erhebt. So als ob eine gemeinschaftliche Erziehung für die adligen oder großbürgerlichen Eliten des Kaiserreiches erstrebenswert gewesen wäre, die nicht zuletzt auf Exklusivität auch in Erziehungsfragen achteten.
Der Film endet mit einer selbstbewussten Effi, die ihren Weg geht. Frau macht was aus sich, so die feministische Botschaft am Ende des Films. Und wenn man(n) an der Konvention festhält und scheitert, dann ist er eben selber schuld. Eine zutiefst anachronistische Sicht, die die Zwänge des 19. Jahrhunderts nicht kennt und nicht ernst nimmt.
Die Beurteilung einer Figur auch nach 120 Jahren ist in Ordnung und angebracht. Dem Urteil aber die Annahme zugrundezulegen, auch die Figuren des 19. Jh. hätten dieselben Handlungsoptionen besessen wie die des 21., und wer eben nicht so handelte, der müsse entweder dumm oder bösartig oder borniert oder alles zusammen sein, das zeugt von einer ahistorischen Haltung, die Menschen im Kern nicht ernst nimmt, sondern den eigenen Bauchnabel zum Weltenzentrum stilisiert.
Die meisten Rezensenten hier loben das Zeitgemäße der Verfilmung: dass Effi anders handelt, dass sie sich Freiräume schafft und nutzt, daher am Ende obsiegt. Was andere loben, tadele ich: Diese Effi ist keine Effi des 19. Jahrhunderts, sondern am Ende eine des 21.; da Huntgeburth aber alle anderen Figuren im 19. belässt, wird die historische Perspektive verzerrt.
Kurz und gut: Enttäuschend, aber das auf ganzer Linie. Schade um einen glänzenden Schauspieler wie Sebastian Koch, auf den ich mich wirklich gefreut hatte.
Mehr als einen Stern hat dieser Film wirklich nicht verdient.