Im August 2004 hatten zwei bewaffnete Täter am helllichten Tag aus dem Munch-Museum in Oslo u. a. das weltberühmte Gemälde "Der Schrei" gestohlen. Damals ging ein Schrei durch die Kunstwelt, gehörte es doch zu den bedeutendsten Werken der Moderne.
Der Norweger Edvard Munch (1863-1944) war einer der populärsten und einflussreichsten Künstler der Klassischen Moderne. Seine heute bekanntesten Werke wie "Der Schrei", "Der Kuss" oder "Pubertät" stammen dabei aus seinem Schaffen der 1890er-Jahre. Auf diese Periode konzentrierten sich fast alle bisherigen Retrospektiven.
Die jetzige Ausstellung "Der moderne Blick", die in Paris (22.9.11 - 23.1.12), Frankfurt (Schirn 9.2.12 - 13.5.12) und abschließend in London (28.6.12 - 12.10.12) gezeigt wird, kreist vorwiegend um das Schaffen des Malers nach 1900. Sie will zeigen, dass Munch auch ein Künstler des 20. Jahrhunderts war. Dabei war der Künstler des 20. Jahrhunderts im Verhältnis zu dem des 19. Jahrhunderts kein radikal neuer Maler. So glichen sich die Themen und Kompositionsformen, doch die Dynamik und Farbgebung seiner Gemälde wurden intensiver.
Im Hatje Cantz Verlag ist nun der umfangreiche und reich illustrierte Katalog (273 Abb.) zu dieser bemerkenswerten Ausstellung erschienen. Die 320 Seiten machen nicht nur mit dem umfassenden Oeuvre des Künstlers bekannt, sie zeigen auch sein ständiges Interesse am Tagesgeschehen sowie an den modernen Repräsentationstechniken seiner Zeit wie Fotografie, Film und illustrierten Zeitschriften. So widmet sich ein Kapitel ausschließlich seinen eigenen fotografischen und filmischen Versuchen. Unter dem Einfluss von August Strindberg und Max Reinhardt entwarf Munch auch Bühnenskizzen und Szenenbilder. Weiterhin werden seine literarischen Manuskripte, die Korrespondenz und diverse Dokumente präsentiert.
Zahlreiche Essays renommierter Kunsthistoriker setzen sich mit Munchs Schaffen und seiner Stellung als bedeutender moderner Künstler auseinander. So wollen die internationale Ausstellung und der Katalog keine Retrospektive sein, die sich auf die Chronologie der Meisterwerke beschränkt, es handelt sich vielmehr um ein thematisches Projekt, das die verschiedenen Aspekte der Modernität Munchs erkunden will.
Ein Anhang versammelt abschließend die Liste der ausgestellten Werke, eine Biografie sowie eine Bibliografieauswahl. Mit seiner Ausführlichkeit und seiner komplexen Darstellung ist der qualitativ hochwertige Katalog weit mehr als ein Begleitband zur Ausstellung, sondern ein eindrucksvolles Standardwerk zu Edvard Munch, an dem man in Zukunft nicht vorbei kommen wird.
Manfred Orlick