Während die meisten Forschungsvorhaben und Schulentwicklungsmaßnahmen im Gefolge von PISA darauf setzen, die bestehende Schule zu optimieren und erkannte Mängel zu beseitigen, geht die Leiterin der Evangelischen Schule Berlin Mitte einen radikal anderen Weg: Sie verabschiedet sich vom traditionellen Modell der Schule als Unterrichts- und Belehrungsanstalt und entwickelt - im Anschluss an Konzepte des Hirnforschers Gerald Hüther - ihre Schule als einen Ort ganzheitlicher Potenzialentfaltung.
In einer rasant sich wandelnden globalisierten Wissensgesellschaft muss auch Schule sich radikal wandeln und einen Paradigmenwechsel zu einem zukunftsorientierten Lernen vollziehen. Diese These ist nicht neu, doch Rasfeld erfüllt sie mit Leben, indem sie in ihrem faszinierenden Bericht zeigt, wie das neue Lernen in ihrer ungewöhnlichen Schule funktioniert - ein Bericht, der anhand von vielfältigen Beispielen einen atemberaubenden Einblick in den Alltag einer Schule gibt, in der die Zukunft schon begonnen hat.
Anknüpfend an eine orientierende Gegenüberstellung von Gestaltungsprinzipien der "alten" und der "neuen Schule" beschreibt Rasfeld detailliert die drei Säulen ihrer Schulkonzeption, die sich an den Leitlinien der Agenda 21 orientiert, weswegen sich die Schule auch als "Agenda-Schule" bezeichnet. Zentral ist der Gedanke, dass Kinder an dieser Schule zu eingreifender Zukunftsgestaltung und Verantwortungsübernahme befähigt werden sollen. In der "Potenzialentfaltungsschule" geht es nicht darum, Kinder zu "unterrichten", sondern sie "aufzubauen", nicht darum sie zu "motivieren", sondern sie zu "begeistern", ist die Schule nicht mehr eine "Traditionsvermittlungsanstalt", sondern eine "Zukunftswerkstatt", wandelt sich das Klassenzimmer zum "Future Lab".
Solche programmatischen Aussagen, die den Unterschied zur traditionellen Schule markieren sollen, werden auf anschauliche und mitreißende Weise durch die detaillierte Beschreibung von konzeptionellen Inhalten und Praxisbeispielen der drei Säulen gefüllt. Rasfeld liefert hier ein faszinierendes Feuerwerk ungewöhnlicher pädagogischer Ideen, das zeigt, was aus Schule werden kann, wenn engagierte Pädagogen ihrer Kreativität freien Lauf lassen und Raum geben, für die Entfaltung der in der traditionellen Regelschule zu oft ungenutzten kreativen Potenziale ihrer Schüler/innen.
In "SÄULE 1: LERNEN ZU HANDELN", entwickeln Lehrer, Eltern und außerschulische Partner vielfältige Projekt gemeinsam mit den Schülern, die darauf abzielen, Visionen für ein nachhaltiges Leben nicht nur zu denken, sondern auch umzusetzen. Lernen durch Engagement ist dabei ein Schlüsselkonzept, das im "Projekt Verantwortung" realisiert wird, indem sich alle Jugendlichen der Stufe 7 und 8 jeweils ein Jahr eine verantwortungsvolle Aufgabe im Gemeinwesen suchen und diese im Rahmen der Unterrichtszeit erfüllen. Dabei gilt das Prinzip "Think Big!" So hat die Schule- um nur ein Beispiel aus der reichhaltigen Aktionspalette zu geben - in einem Umweltprojekt innerhalb von drei Jahren über 70 000 Bäume allein in Berlin gepflanzt.
Im "Projekt Herausforderung" erhalten die Schüler der Klassen 8 bis 10 zu Schuljahresbeginn jeweils drei Wochen Zeit, eine selbstgewählte Herausforderung außerhalb Berlins zu bewältigen. Die Liste der eindrucksvollen Projektrealisierungen reicht von Peer-Education-Projekten für benachteiligte Schüler, einer Kampagne gegen klimaschädliche Heizstrahler,die Ausbildung von "Gemeindedetektiven", über Theater- und Kunstprojekten bis hin zu Lehrerfortbildungen von Schülern für Lehrer. Durch die Zusammenarbeit mit ca. 80 außerschulischen Projektpartnern erschließt sich die Schule ein beeindruckendes Spektrum von Gestaltungsmöglichkeiten für zivilgesellschaftliches Engagement.
Rasfeld fordert einen Paradigmenwechsel von der passiven Belehrung zur aktiven Erfahrung und hat deshalb das Schulfach "Herausforderung" eingeführt. Die von den Schülern selbstgewählten Herausforderungen reichen von Segelturns in der Ostsee, über ein Radtour nach Hiddensee und der Mitarbeit an der Deicherhaltung, die Erkundung Korsikas, die Entwicklung einer Modekollektion, die Gründung einer Band und vieles mehr. Der entscheidende Punkt ist, dass die Schüler hier im Sinne der Positiven Pädagogik
Positive Pädagogik: Sieben Wege zu Lernfreude und Schulglück und der alten Idee John Deweys herausfinden können, wozu sie sich eignen, und ausreichend Gelegenheit erhalten, sich in dieser Eignung zu erproben und zu perfektionieren. Auf diese Weise gelingt Rasfeld ein Abschied von der Massenpädagogik des Industriezeitalters hin zu einem individualisierten Lernen, das inklusive Potenzialentfaltung ermöglicht: In dieser Schule wird nicht selektiert, sondern gefördert. Und hier zeigt sich, dass jedes Kind über Begabungen verfügt.
In "SÄULE 2: WISSEN ZU ERWERBEN" geht es um die Sicherung des amtlich geforderten Unterrichtsstoffes. Auch hier bricht Rasfeld durch die Einrichtung von "Lernbüros" mit der Tradition. Schüler erarbeiteten sich mithilfe von vorgefertigten Lernbausteinen, das nötige Wissen in Teams weitgehend selbst, wobei es durch die Jahrgangsmischung möglich wird, dass ältere Schüler als Lerntutoren fungieren, den Lehrer entlasten und individuelle Förderung ermöglichen. Die Schüler haben so die Möglichkeit, ihr Lerntempo selbst zu steuern. Statt Selektion und Abwertung durch Ziffernzensuren geht es hier im Sinne der Positiven Pädagogik und der Grundsätze, die Gerald Hüter aus Sicht der Hirnforschung propagiert, um Förderung und Wertschätzung - übrigens zwei Prinzipien, die - wie Rainer Domisch belegt hat - das Geheimnis des Erfolgs des finnischen Schulsystems sind
Niemand wird zurückgelassen: Eine Schule für Alle.
In "SÄULE 3: LERNEN, ZUSAMMEN ZU LEBEN" zeigt Rasfeld anhand vielfältiger innovativer Praxisbeispiele wie man den Gedanken der Inklusion mit Leben erfüllen kann. Ihre Ausführungen belegen eindrucksvoll, dass sich Lehrer an dieser Schule als "Schatzsucher" sehen, die nicht als Unterrichtsbeamte, daran orientiert sind, vorgeschriebenen Unterrichtsstoff in die Hirne ihrer Schüler zu trichtern, sondern die vielmehr darauf setzen, die Talente ihrer Schüler zu entdecken und zu fördern. Heterogenität wird als Chance gesehen und durch Peer Learning, Klassenrat, Schulversammlung und Auslandsreisen genutzt. Schule wird hier zur Teamschule, die nach dem Prinzip
Ich bin gut, wir sind besser: Erfolgsmodelle kreativer Gruppen funktioniert und kreative Gruppenverfahren intelligent einsetzt.
Zu schön, um wahr zu sein - werden sich angesichts dieser uneingeschränkt positiven Würdigung Skeptiker sagen. Wo ist der Haken? Warum gelingt Rasfeld und ihren KollegInnen auf scheinbar leichte Weise, was an deutschen Schulen sonst fast unerreichbar zu sein scheint? Zum einen kann sie auf eine langjährige Praxis des Aufbaus innovativer Schulen zurückgreifen. Aber entscheidender ist, dass sie ihre Vision des neuen Lernens nicht nur denkt, sondern auf ansteckende Weise lebt. Selbst skeptische Eltern kann sie überzeugen, denn die Evaluation dieses ungewöhnlichen Experiment ergab ausgezeichnete Leistungsergebnisse und belegt, dass es ein Mythos ist, dass Schule nur als fremdbestimmte, genau verregelte Pauk- und Unterrichtsanstalt funktioniert. Rasfeld zeigt: Das Gegenteil ist der Fall. Zukunftsfähig wird die Schule erst durch den Wandel von der Unterrichtsanstalt zum Kreativen Feld
Ganztagsschule entwickeln: Von der Unterrichtsanstalt zum Kreativen Feld , zu einer inklusiven Schule, die den Schülern im Sinne der Selbstbestimmungstheorie Deci & Ryans die Möglichkeit zur Selbstbestimmung, zu Kompetenzerleben und Sinnerfahrung gibt. Rasfeld und ihre KollegInnen sind große Schritte in dieser Richtung vorangekommen - und das - in einem schlecht finanzierten und baufälligen Plattenbau aus der DDR-Vergangenheit in der Mitte Berlins.
Fazit:
EduAction - der Titel hält, was er verspricht. Ein faszinierendes Feuerwerk kreativer Ideen für die Schule der Zukunft. Aus meiner Sicht - eines der wichtigsten Bücher über innovative Praxis von zukunftsorientierter Schulentwicklung.
Prof. Dr. Olaf-Axel Burow Universität Kassel