Muss man eigentlich Rocky I gesehen haben, um Rocky II gucken zu dürfen? Ergibt Indiana Jones und der letzte Kreuzzug (Teil Drei) nur Sinn, wenn man die ersten beiden Teile gesehen hat? Mitnichten, die Filme sind in sich abgeschlossene Geschichten, die zwar den ein oder anderen versteckten Hinweis auf die Vorgänger bereit halten, aber auch ohne Vorkenntnisse problemlos genossen werden können. Genau so geht es einem auch in den Filmen, die man gemeinhin Computeradventure nennt. 2011 stürmte mit Harveys neue Augen ein deutsches Adventure die Charts, das an Witz, Charme und Programming wieder einmal Standards gesetzt hat. Daedalic Entertainment, mittlerweile das Beste, was die Adventure-Entwickler und -Vertreiber auf dem deutschen Markt zu bieten haben, hat abermals zugeschlagen und einen herrlich komischen Nachfolger ins Spiel gebracht.
Der Vorgänger ist das Kultadventure Edna bricht aus, das nun passend für alle Verrückten in einer toll überarbeiteten Sammlerediton neu auf den Markt kommt. Wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, Teil Zwei vor Teil Eins goutieren durfte, wird erst beim Spielen von Edna bricht aus erkennen, wievielte versteckte Gags sich im zweiten Teil getummelt haben. Das Spiel beginnt in der Zelle, in der Harveys neue Augen enden. Oder anders: Für diejenigen, die Edna schon kannten: Teil Zwei endet dort, wo alles begann.
Edna bricht aus sahnte 2008 alle Preise ab, die es überhaupt zu gewinnen gab und war der Grundstein für den späteren Erfolg von der Hamburger Softwareschmiede. Der Erfinder des Spiels ist Jan Müller-Michaelis, der die Idee auch seiner eigenen Diplomarbeit mit dem Titel Das Computerspiel als nichtlineare Erzählform zu verdanken hat. Tatsächlich wurde die Entwicklung des Spiels an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften begonnen, um als Geschenk für alle Adventurecracks zu enden. Die Nichtlinearität, die wir dann später auch bei Harveys neue Augen wiederfinden, ist den Rückblenden in Ednas Geschichte geschuldet, die entscheidenden Einfluss auf das gute Gelingen des Adventures haben. Wer in Interaktion mit Gegenständen oder Personen tritt, erinnert sich somit an längst vergessene geglaubte Erlebnisse und Fähigkeiten, so dass es im Spiel auch wieder vorwärts gehen kann.
Die Geschichte in Kurzem: His Crazyness Edna wacht in einer Gummizelle auf, hat ihre Erinnerungen komplett verloren und nichts bei sich außer ihrem einziger Freund, dem blauen Stoffhasen Harvey, mit dem sie in vielfältige Interaktion treten kann. Nun heißt es aus der Zelle zu entkommen, sich währenddessen an die eigene Kindheit und vor allen Dingen ihr wirkliches Ich zu erinnern und ganz nebenbei noch den fiesen Anstaltsleiter Dr. Marcus zu überlisten. Mehr darf selbst erspielt werden, ein großer Wurf und Spaß.
Was ist nun das Besondere an der Sammler-Edition? Zunächst Flüssigkeit und Schnelligkeit, was so viel bedeutet, wie das eventuelle Bugs, Speicherkapazitätseinschränkungen oder ruckelnde Screens der Vergangenheit angehören. Zweiter Clou: Der Entwickler selbst hat es sich nicht nehmen lassen an vielen Orten des Spiels seinen Kommentar einzubringen. Ein kleines Icon im oberen Bildrand lässt Müller-Michealis (der zwar nicht auf Dauer als Hörbuchsprecher taugt) zu Worte kommen: authentisch und witzig, wie alles, was dieses Spiel umgibt. Der erste O-Ton startet zum Beispiel mit dem Ploppen einer Bierflasche. Highlight Nummer Drei: 18 freischaltbare Erfolge zum Angeben bei Freunden und andere Internetusern. Das sollte doch gewichtiger Anreiz fürs erneute Durchspielen sein. Und zu guter Letzt gibt's auch noch ne komplette Audio-CD mit den besten Tracks der besten Daedalic-Spiele. Anders formuliert: Ein jazzig-loungiger Ausflug in die klassische Musik. Wunderbar, kann man wirklich so einlegen und genießen.
Fazit: Wer Edna noch nicht kennt, kauft sofort. Wer Edna schon kennt, kauft auch sofort, weil er Edna liebt und hier sehr nette Schmankerl extra serviert bekommt. Und wer's chronologisch möchte, der greift dann im Abschluss zu Harveys neue Augen. Falsch machen kann man bei alldem nichts. Wer es noch nicht wusste: Daedalic wandelt noch einsamer an der Spitze der Adventureentwickler als die Münchener Bayern im Fußball.