Das rezensieren einer John Cage CD ist in doppelter hinsicht paradox. Zum einen hat Cage viele seiner Kompositionen derart gestaltet, daß verschiedene Ausführungen jedesmal anders klingen. Das Festhalten auf Tonträger ist eigentlich widersinnig und widerspricht der Intention des Komponisten. Zum anderen sind viele Kompositionen von Cage so offen und unbestimmt, daß weder der Komponist noch die Interpreten das Ergebnis voraussehen können. Wie soll man also beurteilen, ob eine Realisierung "gut" oder "weniger gelungen" ist? Da auch das traditionelle Vokabular, wie "virtuos", "spannend", "schön" etc. unbrauchbar ist, muß man sich letzlich auf die Wirkung der Musik zurückziehen - und erfaßt damit ganz nebenbei das eigentlich Wesentliche der Musik...
Die "Variations II" werden mit Violine und Glasharmonika realisiert. Der Klang dieses Instruments ist eigenartig schwebend und körperlos und doch von einer eindringlichen Wirkung. Die Kombination mit dem Violinton ergibt seltsame, manchmal regelrecht beklemmende Effekte. Wäre das Stück nicht mit Transparentpapier 'komponiert' und realisiert worden, sondern total improvisiert, würde das niemand unterscheiden können - allerdings würde es dann wohl auch niemanden interessieren. Aber es steht eben Cage drauf und letzlich wird Cage schon dadurch geadelt, daß er durch seine Kompositionen den Anlaß für solch hörenswerte Realisierungen gibt.
"Eight Whiskus", ein tonales (!) Stück für Solovioline, klingt als ob jemand auf der Geige übt - Schwamm drüber.
Die "Musik for Two" realisiert mit Violine und Schlagzeug lebt von der klanglich unglaublich differenzierten Verwendung des umfangreichen Schlagwerks, einschließlich Glocken, Gongs und Hupe. Hier steht eindeutig der Interpret Matthias Kaul vor dem Komponisten John Cage.
Mit der Version von "Ryoanji" werde ich überhaupt nicht warm. Das liegt nicht an der Komposition selbst, sondern am Klang dem verwendeten Schlagwerks, den ich höchst unangenehm finde. Aber das ist weder ein Problem des Komponisten noch eines des Interpreten. Ich ziehe die Sextet-Aufnahme des Stücks mit Eberhard Blum (auf HatHut) eindeutig vor, für mich ist das einer DER Höhepunkte von Cage auf Tonträger. Hier kommt das Paradoxe wieder voll zum Tragen: Wenn eine Realisierung nicht gefällt, hört man sich halt eine andere an. Ob das Cage so vorgesehen hat?