Rilling verwendet - wie immer bei seinen Aufnahmen, auch bei seinen früheren Einspielungen - moderne Instrumente, und das aus Überzeugung. Rilling ist kein Vertreter der streng historisierenden Aufführungspraxis, auch wenn ihm das den Ruf als Traditionalist eingebracht hat. Um ihn selbst zu zitieren: "Es ist heute selbstverständlich, über die Aufführungspraxis vergangener Zeit Bescheid zu wissen. Man sollte allerdings nie vergessen, daß diese Aufführungen auf die Menschen einer anderen Zeit bezogen waren. Museal darf Musik nie sein, sie muß die Menschen unserer Tage erreichen und bewegen. Man kann auch ohne historische Instrumente alter Musik stilistisch entsprechen. Ich sehe sonst die Gefahr, daß Werke wie die Matthäuspassion Eigentum von Spezialensembles werden, weil manch einer Angst hat, nicht mehr authentisch genug zu sein."
Man kann diese Auffassung teilen oder nicht, meines Erachtens zählt das Ergebnis und das ist mit der vorliegenden Aufnahme herausragend. Ein brillianter, homogener Chorklang, der durchsichtig und dennoch kraftvoll ist. Hier werden musikalische Regeln des Barock berücksichtigt - und dennoch wird von Herzen gesungen! Das gilt für den Chor, wie für die hervorragenden Solisten, die eben nicht androgyn und anonym daherkommen, sondern Emotion und Ausdruck einbringen - ohne dass es triefig wird. Ein großes Lob gebührt vor allem dem Evangelisten Michael Schade.
Bei manch anderen Aufnahmen - ohne pauschalieren zu wollen - hat man oft das Gefühl, dass alle Regeln der historisierenden Praxis detailgetreu befolgt werden, (Rhetorik, Phrasierung, alte Instrumente, alte Stimmung, knabenhafte Soprane, schlanker und kleiner Chor, männlicher Altus) - aber keine Musik mehr gemacht wird. Deshalb kann ich bei dieser Aufnahme, die nicht sklavisch "authentisch" sein will, gut mit den modernen Instrumenten leben.