Es gibt für mich kaum eine Band, die mich wie LYNYRD SKYNYRD seit Jahrzehnten ununterbrochen -naja, wenn man von gewissen Abnutzungserscheinungen zu Beginn der 90er mal absieht- gefangen hält. So verzeihe ich ihnen so manche dämliche Aussage seit dem fürchterlichen "9/11". Was ich so manchem anderen Künstler extrem übel genommen habe, markige hegemonistische Aussagen zu Krieg und Frieden, lasse ich LYNYRD SKYNYRD regelmäßig durchgehen - in der Hoffnung auf bald beginnende Altersweisheit [also bei LynSkyn - ich bin da immun ;-))].
Wie ich in der Überschrift bereits angedeutet habe fand sich zum Ende der 90er Jahre endlich eine Formation zusammen, die der legendären Truppe -die am 20.10.77 verunglückte- das Wasser mehr als reichen konnte. Über all die Jahre gab es ja verschiedenste Brüche: da stiegen wichtige Leute aus oder wurden gefeuert und die Sterblichkeitsrate von LynSkyn-Mitgliedern lag stets enorm hoch.
Das Hauptproblem seit der Reunion 1987 war die Machtfülle des neuen "starken Mannes" Gary Rossington, es fehlten die starken Charaktere, die zuvor mit ihm zusammen das LynSkyn-Schiff steuerten. Nach eigenem Gutdünken betrieb Rossington eine Personalpolitik nach dem Prinzip: "hire and fire" - besonders fatal war der Rauswurf von Ed King und Artimus Pyle!
1996 stiegen dann Rickey Medlocke (zuvor Blackfoot) und Hughie Thomasson (Outlaws) ein - das waren endlich die Persönlichkeiten, die für Stabilität und Kreativität sorgen konnten. Zudem wuchs Johnny VanZant langsam aber sicher in die übergroßen Stiefel seines ältesten Bruders hinein. Mit dem Songwriter-Team Rossington/J.VanZant/Medlocke/Thomasson waren die Garanten für hochkarätige Songs endgültig an Bord.
Leider ist das glorreiche Line-up, das für die zu besprechende Scheibe "Edge of forever" verantwortlich zeichnete, bereits wieder Geschichte: mit Leon Wilkeson verstarb ein weiteres Gründungmitglied und Hughie Thomasson ist wieder mit den OUTLAWS unterwegs - schade!!
Was an "Edge of forever" sofort positiv auffällt, ist, daß es bedeutend härter als das durchwachsene Zeug zu Beginn der 90er ist. Ich persönlich mache dies vor allem an Rickey Medlocke fest, hat der doch mit seinen BLACKFOOT äußerst erfolgreich im Grenzbereich zum Heavy Metal gewildert. Medlocke ist zudem zum Publikumsliebling avanciert und ist derzeit einer der Aktivposten bei LynSkyn.
Als meine persönlichen Highlights möchte ich vor allem die beiden sumpfigen Swamp-Rocker "Full moon night" und "Gone fishin'" hervorheben - so, und nicht anders, muß heute Southern-Rock klingen!! Leider werden gerade diese beiden Tracks in den Live-Sets LynSkyn's nicht ausreichend gewürdigt!
Gleich danach kommen der Titelsong "Edge of forever" mit reichlichen Metal-Versatzstücken und der melodiöse Midtempo-Rocker "Through it all".
"Workin'" [diesmal nicht für die MCA], "Preacher man" und "Mean streets" sind sehr druckvolle Rocker allererster Güteklasse!
Zwei schöne Balladen hat's auch: nämlich "Tomorrow's goodbye" und vor allem dem wunderschönen "Rough around the edges".
Dagegen fallen "Money back garantee", "G.W.T.G.G." und "Fla" etwas ab, aber das heißt wenig, denn diese Songs sind immernoch sehr gut - sie sind mir vielleicht etwas zu glatt produziert.
"Edge of forever" ist m.E. die beste Scheibe der "neuen" LYNYRD SKYNYRD, knapp vor der 97er-Scheibe "Twenty", die ebenfalls schon mit dem äußerst erfolgreichen Songwriter-Quartett besetzt war. Leider ist die Zukunft 'mal wieder eher ungewiss - es gab wieder diverse Umbesetzungen und es zeichnet sich auch kein neues Album ab. Stattdessen bringen die VanZant-Brüder 'mal wieder 'ne neue Scheibe heraus [Gähn!!] und gehen auf große US-Tour.
Aber LynSkyn sind unverwüstlich: keine andere mir bekannte Band hat vergleichbare Schicksalsschläge "überlebt", sodaß mir vor der Zukunft nicht bange wird.