Das Hörspiel, als eine eigenständige Kunstform, hat eine über 80jährige Tradition.
Spätestens seit den 1960ern erfreuen sich so genannte Hörspielreihen großer Beliebtheit; dieser Trend hält bis heute an bzw. befindet sich in einer deutlich expansiven Phase...
Ein wenig Marter also für den beflissenen Liebhaber und Konsumenten, hier die Spreu vom Weizen zu trennen, schließlich sind die Hörspielreihen lang, die Konkurrenz groß und die Geldbörse ist kein Füllhorn.
Was nun die vorliegende Edgar Allan Poe Hörspielreihe betrifft, so kann man ihr alles außer Werktreue vorwerfen (wer Werktreue wünscht, der greife zu den einschlägigen Hörbüchern, die es ja ebenfalls wie Nattern in der Grube gibt). Der Mangel an Werktreue ist es jedoch gerade, der den Reiz dieser Reihe ausmacht. Poes Erzählungen werden kaleidoskopisch in eine Rahmenhandlung gebettet, innerhalb der sie meist als Erinnerungsfragmente oder böse Träume an die Bewusstseinsoberfläche des unter Amnesie leidenden Erzählers dringen. Die Regisseure der Reihe realisieren also das klassische Konzept der Binnenerzählung auf kongeniale Weise in einem Hörspiel. Der Erzähler der Rahmenhandlung, Poe persönlich, findet nach und nach Teile seines Selbst in den Geschichten innerhalb der Geschichte, die sich zunehmend auf das Geschehen der Rahmenhandlung auswirken. Da sich der Hörer mit der Figur Poes identifiziert, begibt er sich mit diesem auf die Suche nach seiner Identität. Die Wahl dieser Perspektive ist nicht nur löblich, sondern auch besonders subjektiv... und da Poes Leben kein viktorianischer Ponyhof war, stürzt der Hörer in einen schwarzen Mahlstrom aus morbiden und düsteren Erinnerungen, tief hinab ins Unterbewusstsein, wobei sich die Jagd nach der Identität wie ein Krimi gestaltet (schließlich gilt Poe als Erfinder der deduktiv arbeitenden Krimihelden). Themen wie Krankheit, Perversität und Verfall - die Poe selbst auf die Ebene des künstlerisch Ausdrückbaren erhob - werden auf wesentliche Symbole reduziert und hörgewaltig vertont. Dass diese Hörspielreihe nicht nur professionell produziert, sondern auch gesprochen ist, muss eigentlich nicht extra erwähnt werden. Das Filmorchester Berlin tut immerhin ein Übriges; die Musik- und Geräuschkulisse wurde hier besonders opulent gestaltet.
Die Geschichte selbst gehört in die spätere Schaffensperiode Poes und bildet den Auftakt zur Hörspielreihe. Im Original "The pit and the pendulum" (1842) zählt sie wohl zum klassischen Poe-Kanon. Thema ist das Ausgeliefertsein an willkürliche Mächte und die unbekannte, sich langsam und unaufhaltsam nähernden Bedrohung, der der Delinquent bei gleichzeitiger Bewegungsunfähigkeit ausgesetzt wird. In der vorliegenden Bearbeitung wird der Schwerpunkt verlagert. Die Bedrohung wird körperlicher und weniger subtil, brutaler und unbarmherziger dargestellt.
Der Altmeister des Grauens im modernen Gewand: poetologisch entstaubt und psychologisch durchschlagend.