Als Poe-Fan mit der Erwartung einer getreuen Umsetzung der literarischen Vorlage sollte man bei dieser Reihe vorsichtig sein. Allzu leicht wird man das, was der Meister geschrieben hat als entstellt, verkürzt, verfälscht finden.
Lässt man sich aber auf das Konzept der Reihe ein, das eine Rahmenerzählung um einen namen- und erinnerungslosen Protagonisten strickt, der sich aus einer Eingebung heraus den Namen Edgar Allen Poe gegeben hat und sich auf Anraten seines Arztes durch Reisen und das Zulassen seiner beklemmenden Träume wieder seiner eigentlichen Identität anzunähern versucht, kann man aus der Variation von Motiven der jeweils titelgebenden Erzählungen Poes durchaus Vergnügen ziehen.
"Die Morde in der Rue Morgue" bildet eine der komplexeren Erzählungen Poes und präsentiert zudem weniger ein Szenario des Schreckens als dessen logische Aufklärung durch den ältesten Meisterdetektiv der Literatur: Auguste Dupin. Entsprechend nimmt die Rahmenhandlung auch nur einen sehr geringen Teil dieser Folge ein. Poe und Leonie Goron sind in New Orleans eingetroffen und steigen in einer Pension ab. Kaum dort angekommen, driftet Poe auch schon in einen seiner Träume ab, der Bilder aus Poe Detektivgeschichte variiert.
Ich war gespannt, wie die Macher der Serie diese Vorgabe umsetzen würden. Den für gewöhnlich desorientierten und (pardon) begriffstutzigen Poe der Hörspielreihe in der Rolle eines Meisterdetektivs konnte ich mir kaum vorstellen. Und in der Tat zäumt die Folge die Erzählung vom anderen Ende auf, indem sie die Geschichte des Zustandekommens jenes Verbrechens erzählt, das Dupin in Poes Geschichte am Ende aufklärt. Dabei wird zugegeben ein wahrer Mischmasch aus Elementen anderer Abenteuergeschichten zusammengebraut, der mir dennoch zu gefallen wusste: Stevensons "Die Schatzinsel" wird ebenso zitiert wie Melvilles "Moby-Dick", und die Poeschen Motive werden ebenfalls wie gewohnt dekliniert. Da ich die Erzählung kannte und die Lösung des Falles mir dadurch geläufig war, wusste ich diese Variante durchaus zu schätzen.
Insbesondere die Atmosphäre der Reihe, die sich dem fast ununterbrochenen, aber nichtsdestotrotz perfekt getimten und von Stil und Instrumentierung jeweils ideal dem Inhalt angepassten Einsatz von Musik und der ebenfalls stimmigen Geräuschkulisse verdankt, kommt in dieser Folge in besonderer Weise zur Geltung. Gerade die teilweise hier kritisierten schrillen Elemente empfand ich als sehr passend eingesetzt. Trotz des wie üblich kleinen Sprechercasts kommt keine Langeweile auf.
Fazit: Wer nicht als Poe-Purist oder dessen Nachlassverwalter an diese Reihe herangeht, sondern das freie Spiel mit den Inhalten seiner Kurzgeschichten und Erzählungen zu akzeptieren und zu schätzen weiß, der ist mit dieser Folge gut bedient. Immerhin ist dieses Hörspiel zum Zwecke der Unterhaltung gedacht, nicht als literaturwissenschaftliche Abhandlung. Und es gab in dieser Reihe wirklich schon Schlechteres.