Ein Mann, eine Frau und ein Kind sind auf der Flucht. Der böse Berg hinter ihnen spuckt dunkle Wolken und Feuer. Das Atmen fällt schwer, aber sie müssen weiterlaufen. Die Frau tritt in die Fußspuren des Mannes, das Kind zieht sie hinter sich her. In der feuchten Vulkanasche sind ihre Fußabdrücke deutlich zu sehen ...
... auch dreieinhalb Millionen Jahre später noch, als Mary Leakey - bedeutende Archäologin und Paläoanthropologin - diese Spuren im Jahr 1978 entdeckt. Das Besondere daran, diese Vormenschen gingen aufrecht.
Sibylle Knauss hat mit "Eden" einen Roman über das Leben und die Ehe des Archäologen-Ehepaares Leakey geschrieben. Diese Kapitel wechseln sich ab mit Rückblenben um mehrere Millionen Jahre, in denen Knauss das Leben unserer Vorfahren schildert, die nachts noch auf Bäumen schliefen und zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Spitze der Nahrungskette erorbert hatten, sondern sich noch mittendrin befanden und somit sowohl Jäger als auch Gejagte waren. Wesen, für die das Alleinsein ein Todesurteil war. Wer verloren ging, war verloren. Nur die Zugehörigkeit zu einem Stamm sicherte das Leben halbwegs. Jeder gehörte jedem und alles gehörte allen. Hin und wieder führte eine zündende Idee zu einem evolutionären Fortschritt. Es bedurfte einer solchen Idee, um Steine zu bearbeiten und sie als Werkzeuge zu verwenden. Die Differenzierung von Gefahren machte es notwendig, neue Worte zu erfinden. Und immer wieder mal werden auch Andere gesichtet, die anders aussehen als die Eigenen, und die doch aufrecht gehen, Sprache benutzen und eigene Ideen haben.
Gleichzeitig schildert Knauss, wie Mary, eine junge Frau, den zehn Jahre älteren Louis Leakey kennenlernt und ihm nach Afrika folgt. Für sie trennt er sich von seiner Frau, was einen Skandal auslöst. Dann heiratet er Mary, die in seinen Augen ganz anders ist als andere Frauen. Und ihm damit das Leben schwer macht. Denn sie kann seine Affären und Seitensprünge nicht dulden, ist eifersüchtig und verzweifelt, und kompensiert dieses durch ihre Arbeit, mit der sie Louis und seinem Ruhm Konkurrenz macht. Immer häufiger gibt es Streit und immer öfter bleibt Louis weg.
Diese Ebenen sind auf wundervolle Weise miteinander verknüpft. Die Geschichte der Leakeys wird überwiegend aus Marys Perspektive betrachtet. Leider kommt die Familiengeschichte durch Marys Beschäftigung mit ihrer Arbeit etwas kurz. So hat der zweite Sohn Richard einen schweren Unfall, der ihn zu einem Krüppel machen könnte. Im nächsten Kapitel jedoch ist Richard dann bereits erwachsen und es wird kein Bezug mehr auf diesen Unfall genommen. Für mich persönlich und mein Verständnis der real existierenden Familie Leakey fehlten mir zwischendrin zu große Teile der Familiengeschichte. Vielleicht war mehr aber auch nicht möglich, da Marys Söhne auch heute noch leben und es möglicherweise unangebracht gewesen wäre, die komplette Familiengeschichte auszubreiten.
Besonders gefallen haben mir jedoch die Kapitel über das Leben in der Steinzeit, die anhand einzelner ausgesuchter Charaktere sehr anschaulich zum Leben erwachte. Man konnte die Furcht vor den nächtlichen Jägern konkret nachfühlen. Auch die Vorsicht und Wachsamkeit, die bei jedem Schritt notwendig waren, waren sehr eingängig geschildert.
Anfänglich hatte ich etwas Probleme, in die Geschichte hineinzukommen, da ich vorher etliche "Werke" von Trivialliteratur gelesen habe und mich zunächst an Knauss' Sprachstil gewöhnen mußte, der sehr detailliert, elaboriert und sehr gut ausgearbeitet ist, jedoch auch etwas Konzentration verlangt und ein schnelles Drüberlesen nicht zulässt. Die Sprache ist einfach schön, poetisch, anspruchsvoll und ausgeklügelt. Zudem verwendet Knauss keine Anführungszeichen für direkte Rede.