Als einer der eigentümlichen Spezies, die bereits in Kindheitstagen von Tätowierungen, Perle im Ohr und langem Bart träumte, also zu einer Zeit in der sich in Deutschland höchstens Kriminelle, Schiffschaukelbremser oder Assis tätowieren ließen, musste ich bis zu meinem vierundfünfzigsten Lebensjahr warten, bis mir mein erstes Tattoo vergönnt war (Bart und Perle im Ohr mit 22 u 25, für diejenigen, die es interessiert).
Dem Stechen meines Tattoos voraus ging eine - ich fasse es heute selbst kaum - jahrelange Suche nach DEM TATTOO, das zu diesem Menschen passte. Ich wälzte Vorlagen in Massen, besuchte Messen, nervte Studiobetreiber, besichtigte Originale, suchte und verwarf, immer und immer wieder, bis dann endlich der große Moment kam und ein Meister seines Fachs zur Tat schritt.
Das erwähne ich deshalb, um zu verdeutlichen, dass ich die Materie samt Szene wirklich kenne und mich nicht nur deshalb darüber auslasse, weil mir mehr oder weniger zufällig dieser Band in die Hände fiel.
Wer sich eine Tätowierung aufbringen lässt, sollte wissen was er tut, denn das mit Tinte oder anderen Farbpigmenten in die zweite Hautschicht eingebrachte Werk (Bild oder Text) ist von Dauer.
Man darf davon ausgehen, dass sich die Sitte des Tätowierens weltweit unabhängig voneinander entwickelte. Das älteste bekannte Tattoo wurde in Chile gefunden bei einer 7000 Jahre alten Mumie.
Zu allen Zeiten hatten Tätowierungen unterschiedliche Bedeutung. Es gibt Mitgliedszeichen (Knast-, Kastentattoos) sakrale Symbole, Ausgrenzungszeichen (Schläger, Rowdy, Aufrührer, Kriminelle) Protest (Punk) und Schmuckzeichnungen. Die Tätowierungen in den Konzentrationslagern der Nazis sind ein Beispiel für eine abartig miese Anwendung der Techniken.
Es konnte aber auch anderorts passieren (z.B. Japan), dass Tätowierte als gebrandmarkt galten und ausgestoßen wurden. Die Yakuza machten aus der Not eine Tugend.
Die Motive sind extrem unterschiedlich und so sind wir endlich bei dem Bildband angelangt, denn Ed Hardy rühmt sich, uralte, auch asiatische Traditionen revolutioniert und weltweit frischen Wind in den klassischen Kunstbereich gebracht zu haben.
Es mag sein, dass er mit seiner Bildsprache einen unverwechselbaren Stil schuf, aber wer um aller guten Geister willen möchte sich eines dieser Tattoos antun, einige wenige Beispiele ausgenommen.
Es verführt natürlich, etwas zu rühmen von dem man keine Ahnung hat. Aber das ist gefährlich. Wer meint, dass dieses Buch ein gutes Beispiel für die EIGENSTÄNDIGE KUNSTFORM TATTOO ist, hat falsch geraten, und wer damit kokettiert, dass auch zukünftig seine Haut unter keinen Umständen von einem Tattoo verunziert wird, weiß eben nichts von der Faszination einer solchen Handlung.
Das wiederum kann aber auch durchaus an diesem Buch liegen, das eben die Stilrichtung eines Tätowierers zeigt und darüber hinaus nichts erahnen lässt, welche kraftvollen, ästhetischen, schlichtweg schönen Möglichkeiten es noch alles gibt.
Ich empfehle an dieser Stelle
Alles über japanische Tätowierungen: Die japanische Tätowierkunst der Edo-Zeit und ihre Entwicklung bis zur Gegenwart oder
Tribal Tattoo: The Tribe of the Tribals. Traditionelle, archaische und moderne Stammestätowierungen Dort wird nicht nur die eingeschränkte Sicht eines Künstlers, sondern eine gewisse Bandbreite der Tätowierungsszene vorgestellt und erklärt, denn nur so entwickelt sich ein Verständnis und daraus vielleicht auch ein Wunsch, das Unvorstellbare Wirklichkeit werden zu lassen.
Das vorliegende, für eine gewisse Stilrichtung sicherlich beachtliche Werk wird wenig dazu beitragen, dass der in den späten 1980er Jahren sich wieder entwickelnde Modetrend zu Tattoos erhalten bleibt, was auch nicht unbedingt erstrebenswert ist.
Alles, was aus Gründen eines Trends Popularität erfährt, verschwindet recht schnell wieder, oft genug von heftiger Reue begleitet. Nur das, was über lange Jahre reift, hat Bestand :-)))
Ganz klar für mich, denn ein Tattoo ist viel mehr als der Ausdruck eines unbedeutenden Trends. HMcM