Die im November 2002 erschienene Single-Auskopplung "Durch Nacht und Flut" stellte für die meisten Fans eine große Enttäuschung dar; als zu poppig, für manche sogar zu kommerziell wurde dieser Song von der Mehrheit der treuen Hörer empfunden (von dem unglaublich schlechten Zeromancer-Remix erst gar nicht zu reden). Ein einmaliges Ereignis in der mittlerweile 13jährigen Lacrimosa Geschichte, denn abgesehen von den Fans, die seit „Elodia" den Bezug zur Weiterentwicklung von Lacrimosa verloren haben, hat es Tilo Wolff jedes Mal geschafft, das vorherige Album zu übertreffen und die Hörer aus neue zu überraschen und zu begeistern. So auch dieses Mal.
„Echos" entpuppt sich als das vermutlich beste Lacrimosa Album. Schon beim ersten Hören wird man überwältigt von der unglaublichen Tiefe des Gefühls, das in diesem Album steckt. Musikalisch betrachtet vielleicht das ruhigste Album, doch hier brodelt eine unglaubliche Kraft unter der Oberfläche, die dem ganzen eine faszinierende Dynamik verleiht. Die fast schon klassische Musik rangt sich um die überaus poetischen Texte und eröffnet mühelos einen tiefgehenden Zugang - mehr denn je stehen die Texte im Vordergrund, ihre emotionale Tiefe dringt tief in die Seele (und auch das Herz) und lässt niemanden unberührt.
Eine emotionale Kraft, die sich schwer mit Worten allein beschreiben lässt. Die Echos der Vergangenheit hallen wider in diesem Album, viel von Lacrimosas Ursprüngen ist zu spüren, diese unglaubliche Intensität des Gefühls kennzeichnete auch die frühen Alben „Angst" und „Einsamkeit" (wenn die Gefühle auch dort anders verarbeitet wurden, sowohl musikalisch als auch geistig). Auch musikalisch schlägt Tilo Wolff einen großen Bogen, beginnend bei Klassik oder auch Einflüssen des Barock über eine Art von Kammermusik bis zu modernen Musikformen wie die elektronischen Einflüsse in „Ein Hauch von Menschlichkeit"; seinem Ruf als „Mozart des 21. Jahrhunderts" kann wohl nichts besser untermauern als dieses Album. Ungewöhnliche, oder besser für Lacrimosa untypische Instrumente sind zu finden, Spinett, Besenschlagzeug, Xylophon; vor allem die Gambe (eine Art Vorläufer des Cello) weiß zu faszinieren.
Das 13minütige Instrumentalstück „Kyrie" (lediglich mit Chor) führt als Ouvertüre ein in die tiefe Gefühlswelt, die Reise endet mit dem Requiem „Die Schreie sind verstummt" (beide Songs sind übrigens gleich lang). Dieser Song ist ein absolutes Meisterwerk und zweifellos einer der Höhepunkte in Tilo Wolffs Schaffen. Ein Song, der nicht nur alles vereint, was Lacrimosa musikalisch und inhaltlich ausmacht (und das von den Anfängen bis heute); nie gab es einen Song, der so berührt.
„Echos" ist nicht ein Konzeptalbum wie „Fassade" es war, dennoch sind die Songs untereinander thematisch verbunden, das Album ist durch Untertitel (Suche, Hingabe, Bitterruf) strukturiert. Auch wenn der Vergleich nicht ganz treffend ist, so fühlte ich mich doch an Dantes Reise (in „Die göttliche Komödie") erinnert, Himmel und Hölle, Schmerz und Liebe, Freude und Ernüchterung, alles ist in diesem Album vereint.
Besonderes Augenmerk ist auch auf das Cover zu legen, das ebenso wie die Single in einer Art „Breitwandformat" präsentiert wird, schwarze Balken säumen das faszinierende gezeichnete Bild: Nicht wie üblich in schwarz/weiß, sondern leicht vergilbt wirkend, wie auf einem alten Gemälde, tritt der Lacrimosa Clown auf einem majestätischen Schiff eine Reise (wie eben Dante) an. Das Booklet ist ähnlich antik gestaltet, mit einer Schrift, die leider extrem schwer lesbar ist.
Der einzige Schwachpunkt des Albums ist „Durch Nacht und Flut", musikalisch immer noch etwas fehl am Platze wirkend, zu offensichtlich wirkt die Aufbruchsstimmung musikalisch umgesetzt. Dennoch entfaltet dieser Song in den Albumkontext eingebettet eine andere Wirkung, der Zugang ist einfacher und somit die Konzeption des Songs besser nachzuvollziehen. Auch wird deutlicher, warum dieser Song als Singleauskopplung eine Brücke zwischen den Alben bildet. (Eine notwendige Brücke, da „Fassade" ein in sich geschlossenes Album war, ist der erste Song von „Echos" keine Anknüpfung an den letzten Song des vorhergehenden Albums, wie es sonst stets der Fall war.)
Lacrimosas achtes Album ist ein Meisterwerk, wie man es in dieser Form noch nicht gehört hat, mit Worten allein nicht zu erfassen. „Echos" als ein Spiegelbild der Seele, ein Reise in die tiefsten Gefühlswelten - wer kann da widerstehen?