"Ich verstehe..." sagt Emily zu den häufig wechselnden Männern in ihrem Leben, obwohl die promiskuitiv lebende, freiheitsliebende Intellektuelle oft nicht versteht. Erst auf der letzten Seite des schnörkellosen Buches über zwei Schwestern mit gegensätzlichen Lebensentwürfen gesteht sie ihrem Neffen: "Ja, ich bin müde...Und weißt du, was komisch ist? Ich bin fast fünfzig Jahre alt, und ich habe noch nie im Leben irgend etwas verstanden."
Emily und Sarah wachsen in wechselnden, stets schäbigen Wohnungen in und um das New York der 1930er und -40er Jahre auf. Ihre Eltern sind geschieden und finden im Alkohol Trost. Die flatterhafte Mutter hat sich, selbstüberschätzend, vom Vater der Mädchen getrennt, in der vagen Hoffnung, mehr aus ihrem Leben machen zu können. Ziellos, ohne auf die Bedürfnisse der Mädchen Rücksicht zu nehmen, verplempert sie ihr Leben in kleinen Jobs. Der geliebte Vater bleibt eine schmerzlich vermisste Randfigur im Leben der Töchter. Nachhaltig in Erinnerung bleibt ihnen ein Besuch in der Redaktion "seiner" Zeitung, wo er als erfolgloser Journalist in untergeordneter Stellung arbeitet. Whisky und Zigaretten werden ihm zum Verhängnis, noch ehe seine Kinder richtig erwachsen sind. Den inneren Zusammenhalt einer funktionierenden Familie haben sie nie erlebt, was sich in Verbindung mit ihren Charakteren auf ihr gesamtes Leben auswirken wird.
Sarah entwickelt sich zu einer früh erblühten Schönheit mit sonnigem Gemüt und heirat, kaum erwachsen, den charmanten Spross einer Familie, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Drei Söhne binden sie ans Haus und in eine Ehe, die neben steter Geldnot noch andere, gravierende Widrigkeiten mit sich bringt. Wie die Eltern findet sie Trost im exzessiven Alkohol- und Zigarettenkonsum. Ihre Schönheit verliert sie früh und stirbt noch vor ihrer Mutter; beide vom Leben schon lange vorher besiegt.
Emily versucht den Trost dieses fatalen Gespanns nur maßvoll in Anspruch zu nehmen, was oft gelingt, manchmal auch nicht. Ihre bevorzugte Droge sind Männer, meist die Falschen, und wenn sie richtig sind, fühlen sie sich trotzdem falsch an. Ihre Attraktivität speist sich zuallererst aus ihrem scharfen, freiheitsliebenden Intellekt, der eine Reihe von schwierigen Männern anzieht, denen sie sich für eine gewisse Zeit anpasst und dabei irritierenden Langmut beweist. Diese Männer lassen sich weder von Frauen noch von mangelnder Begabung dauerhaft irritieren. Sie gehen in erster Linie ihrer eigenen Passion nach und haben ein Selbstbewusstsein, von dem ihre Partnerin weit entfernt ist. Als einstiger Barnard-Stipendiatin mit gutem Hochschulabschluss scheint Emily die Welt lange Zeit offen zu stehen. Aber halbherzige Ansätze ernsthaft zu schreiben führen zu nichts und ihre Jobs bleiben durchschnittliche. Ihre Berufung findet sie nicht. Mit beginnendem Alter fangen die Fenster an, sich für sie zu schließen.
Besonders unter amerikanischen Autoren finden sich viele genaue Chronisten menschlicher Einsamkeit. Der nun auch in Europa zu Ehren kommende, 1992 verstorbene Richard Yates gehört zu diesen. Wie bei allen herausragenden Schriftsteller ist seine Sprache schnörkellos, unaufdringlich und frei von überzogenen Wendungen. Die traurige, alltägliche Geschichte der Grimes-Schwestern, die Yates in zärtlicher Grausamkeit entwirft, hält den Leser in einem Bann, der schwer abzuschütteln ist. Es ist so, als hätte er über das menschliche Gewusel im Bannkreis des Big Apples ein Brennglas gehalten und die beiden Schwestern darin zuerst fokussiert und dann verglühen lassen. Obwohl Emilys Ende offen bleibt, mag man an ein Happy End für sie nicht glauben. Trotz der hoffnungslosen Geschichte, die suggeriert, dass jeder Lebensentwurf zum Scheitern verurteilt ist, wenn die Liebe zu sich selbst nicht genügend entwickelt ist, ist "Easter Parade" eine glänzend unterhaltende, was nur mit der Magie guter Bücher erklärt werden kann.
Helga Kurz