- Ein Blick durch psychotherapeutische Gesteinsmassen Ende der siebziger Jahre-
Neun Romane hat Ernst Augustin bereits publiziert, aber trotzdem ist er in der deutschen Literaturszene wohl eher der große Unbekannte. "Eastend" bietet Gelegenheit, diesen großartigen Autor zu entdecken und dabei auf exzellente Literatur zu stoßen: ein kleines literarisches Meisterwerk, geschrieben mit einem Hauch intellektueller Grazie.
Auf den Inhalt werde ich nicht noch einmal eingehen, da er im Wesentlichen in der Amazon-Kurzbeschreibung wiedergegeben ist. Erzählt wird die "Persönlichkeitswandlung" des mittelmäßigen Schriftstellers Almund Grau aus München in den angesehenen, einflussreichen und wohlhabenden Psychotherapeuten Almond Gray aus London Ende der siebziger Jahre. Auslöser ist eine Gruppentherapie, in die ihn seine Frau "mitschleift".
Fürwahr, Gruppentherapie war das neue Zauberwort. Sogenannte Selbsthilfetempel sprangen wie Geysire aus dem Boden. Die wilden 68er waren vorbei, das gebildete Bürgertum hatte sich in seiner Selbstzufriedenheit arrangiert und partizipierte am wirtschaftlichen Aufschwung. Doch irgendetwas fehlte. Vielleicht eine Art Selbstverpflichtung, sich in einer Gruppe Gleichgesinnter von den Prägungen einer bürgerlichen Erziehung und deren repressiver Moral zu befreien, Selbsterfahrungen zu sammeln, lange Verschüttetes zutage zu fördern, gesellschaftliche Zwänge oder sexuelle Hemmungen aufzulösen. "Such dir einen guten Therapeuten, und die Ehe wird wieder funktionieren. Geh zu einer Gruppentherapie, und jeder wird sich mitteilen und dann den anderen in Tränen umarmen.", so das damalige Motto, welches Ernst Augustin in seinem Buch kritisch betrachtet und auf Grund seines beruflichen Vorlebens (er war Neurologe und Psychiater) als exzellenter Kenner hervorragend parodiert.
Wie Ernst Augustin mit großartiger Situationskomik die Rituale der Psychogruppe als hohles Imponier- und Balzgehabe darstellt und die Gruppensitzungen beschreibt, ist einzigartig. Er karikiert den Therapiejargon und entlarvt die Mitglieder als eitle Selbstdarsteller. Augustin ist ein exzellenter Beobachter und zeichnet großartige Menschenstudien.
Ebenso faszinierend, ungeheuer facettenreich und atmosphärisch dicht, manchmal surreal anmutend, sind seine Beschreibungen des multikulturellen Londoner Großstadtlebens jenseits der Geschäftsviertel, ein London, das heutzutage längst nicht mehr existiert - fantastischer Realismus pur.
Von bezaubernder, gleichwohl kostbarer Einfachheit ist die literarische Darstellung des Liebeslebens des Ehepaares Almund und Kerrie.
Bei Augustin sitzt einfach jeder Strich, egal aus welcher Bewusstseinssphäre oder imaginären Welt er gerade berichtet. Innenwelt und Außenwelt, Bewusstsein und Unbewusstes stehen in einem prekären Verhältnis zueinander.
Nach dem ausgesprochenen Lektüregenuss des Buches fragt man sich, warum Augustin im Unterschied zu seinen Generationsgenossen Grass und Walser (alle wurden 1927 geboren) der große Erfolg bisher verwehrt blieb. "Eastend" - und darf man dem Feuilleton glauben, auch all seine anderen acht Werke - hat alles, was einen guten Roman auszeichnet: er ist unterhaltend und humorvoll, gleichzeitig "formal anspruchsvoll, psychologisch komplex und postmodern schillernd - eine Parabel über die Absurdität des Daseins und die grotesken Momente des menschlichen Miteinanders", wie im Deutschlandradio zu hören war, dem ich mich uneingeschränkt anschließen kann.
Fazit:
"Eastend" ist die Jagd eines Schriftstellers und eines Mannes nach Glück und Erfolg.
Eine meisterhafte Verführungslektüre, ein magisches Buch, voller kleiner erzählerischer Wunderwerke und Überraschungen und gespickt mit großartigem Humor, von einem Schriftsteller, den es unbedingt (wieder neu) zu entdecken gilt.