Gespalten zwischen Ost und West
Zwei Jugendbücher zu (fast) unüberwindbaren Konflikten
Wie kommt man in einer geteilten Stadt, in einem gespaltenen Land von Ost nach West oder umgekehrt? Gar nicht, es sei denn, man boxt sich erfolgreich durch. Und wenn Faustschläge nicht reichen, dann muss man denen auf der anderen Seite halt sonst wie zu verstehen geben, dass man eigentlich zusammengehört. Die Vorstellung von einem einig Volk von Brüdern und Schwestern, die naiv utopisch über politisch oder rassisch bedingte Divergenzen hinwegsieht, findet sich heute unter anderem in der Welt des Sports und manchmal in jener von Kindern oder Jugendlichen. Diese beiden Welten verbinden nun zwei gelungene Jugendbücher, die das allzu blauäugige Heile-Welt-Versprechen ironisch oder kritisch unterlaufen: Jerry Spinellis «East End, West End und dazwischen Maniac Magee» und Heinrich Peuckmanns «Die Schattenboxer» beschreiben je einen Konflikt zwischen Ost- und Westteilen einer Stadt beziehungsweise einer Nation. In beiden Büchern sind es arglose, aber mutige und mit besonderen sportlichen Fähigkeiten begabte Kinder und Jugendliche, die diese Trennung zu überwinden trachten.
Der amerikanische Autor Jerry Spinelli erzählt spannend, einfühlsam und auch humorvoll die Geschichte eines Jungen namens Jeffrey Lionel Magee, den bald alle nur Maniac Magee nennen, weil er wundersame Dinge vollbringt. Als Waise läuft er durch die Welt und gelangt irgendwie irgendwann in die Stadt Two Mills, die durch eine Strasse in einen von Weissen und einen von Schwarzen bewohnten Stadtteil gespalten ist. Niemand wagt sich jeweils auf die andere Seite, ausser Magee, der zuerst ahnungslos und dann verständnislos diese Teilung ignoriert. Auf der einen Seite der Hector Street übertrumpft er ganz nebenbei den stadtbekannten (weissen) Baseballstar, und auf der anderen besiegt er mehr aus Notwehr den (schwarzen) Schläger Marsriegel Thompson. Er tut dies aber nicht aus echtem Sportsgeist, sondern stets eher beiläufig, was die Herausforderer dann freilich noch mehr reizt.
Das Buch lässt aus, wie und warum Magee zu seinen ausserordentlichen Fertigkeiten gekommen ist er kann nämlich nicht nur erstaunliche Bälle schlagen, sondern auch wie der Blitz auf Bahngeleisen rennen und unentwirrbare Knoten lösen. Er hat diese Talente einfach und setzt sie, wo nötig, ohne klare Absicht ein. Der kindliche Protagonist wird dabei nicht zum tatkräftigen, zielsicheren Superstar stilisiert, sondern vielmehr zu einem Mythos, was der Text mit leiser Ironie gleich mit verhandelt: «Was ist Wahrheit, was Mythos? Schwer zu sagen.» Und: «Die Geschichte eines Kindes besteht aus einem Teil Tatsachen, zwei Teilen Legende und drei Teilen Wischiwaschi.»
So beruht auch die grosse Tat, die Magee schliesslich vollbringt, eher auf einer Reihe von glücklichen Zufällen als auf planvoller Strategie. In seiner Arglosigkeit bewirkt der Junge das Unglaubliche, er bringt die verfeindeten Jugendbanden und damit die getrennten Stadtteile einander näher. Die Grenze zwischen East End und West End wird zumindest überschreitbar. Spinelli beruft sich dabei in seinem engagierten und übrigens bereits preisgekrönten Buch auf eine unbeirrbare Menschenliebe. Magee, der beschrieben wird als einer, der selber stets auf der Suche nach einem Zuhause ist, geht in einer geradezu ergreifenden Offenheit auf weisse wie schwarze, auf vermeintlich böse wie gute Menschen zu. Dass er dabei nicht auf die Nase fällt, darin liegen das Mythische und der Tatsachen-«Wischiwaschi» der Geschichte, aber auch das unbeschwert Utopische, das von diesem Buch ausgeht.
Der zweite Jugendroman, «Die Schattenboxer» von Heinrich Peuckmann, hat, zumindest was die historischen und geographischen Tatsachen anbelangt, einen realistischeren Anspruch. Er spielt in Nachkriegsdeutschland und erzählt von fünf Brüdern, die in einer Zechensiedlung aufwachsen, zufällig zum Boxsport kommen und da grosse Erfolge feiern. In der beschriebenen Bergmannsfamilie gibt es zwei Tabuthemen: Das eine betrifft den Beruf alle männlichen Mitglieder sind seit Generationen zum Bergbau bestimmt , das andere ist der Kommunismus, die sowjetische Zone und spätere DDR.
Der älteste der fünf Brüder bricht beide Tabus. Er verschwindet in den «Osten», um weiter boxen zu können und nicht unter Tage arbeiten zu müssen. Der Roman erzählt von Unverständnis und Schmach, die diese Tat für die Familie bedeutet. Werner, der Jüngste, versucht jedoch, mit dem Verschollenen in Kontakt zu treten: vergeblich, die beiden Länder sind vollständig separiert. Erst in einem Boxkampf treffen die Brüder wieder aufeinander, und da sie sich einmal gelobt hatten, nie gegeneinander zu kämpfen, schlagen sie nicht zu Europameisterschaft hin oder her.
In diesem Buch, das ebenfalls sehr fesselnd geschrieben ist, wird am Ende zwar keine Grenze wirklich aufgehoben und auch keine Mauer eingerissen, und doch besiegen die beiden brüderlichen Boxer trennende Mächte. Indem sie ihren Sportsgeist zurückstellen und sich auf das sie Verbindende und auf die Nächstenliebe besinnen, verlieren sie zwar den Wettkampf, aber sie behalten ihre Menschlichkeit. Was in der so verkürzten Zusammenfassung geradezu kitschig klingt, ist im Roman mit einnehmender Aufrichtigkeit erzählt.
Christina Thurner