Kaum hat ein historisches Ereignis die Menschheit so fasziniert und ihr zugleich so viele Rätsel beschert wie der Mythos vom Exodus der Israeliten aus Ägypten. Nicht nur seine Relevanz für die Geschichte blieb bisher im Dunkeln, sondern vor allem die alles entscheidenden Frage, wann dieses Ereignis überhaupt stattfand. Trotz zahlreicher Hypothesen ist es bislang nicht gelungen, ein chronologisches Bindeglied zwischen der ägyptischen und der jüdischen Geschichte auszumachen, mit dem sich das Datum des Auszugs ermitteln ließe, um letztlich die damit verbundene historische Wahrheit darzulegen. Ist also der Auszug der Israeliten aus Ägypten bloß eine fromme Geschichte der biblischen Verfasser? Wenn die bisherigen Anstrengungen zu keiner befriedigenden Lösung des Problems geführt haben, so fragte sich der Autor, ob dies nicht damit zu begründen sei, dass alle bisherigen Nachforschungen womöglich in historischen „Schichten” einem Ereignis nachjagten, das sich tatsächlich auf einer völlig anderen dynastischen Ebene abgespielt hat, als bisher vermutet wurde? Mit anderen Worten: Da wir es mit der Geschichte des Judentums zu tun haben, so richteten sich unsere Blicke bislang nur soweit zurück, wie es die jüdische Tradition diesbezüglich auch zulässt. Aber muss eigentlich der Bewahrer einer Geschichte auch ihr Urheber sein? Der Versuch des Autors, in diesem Buch die biblische und die ägyptische Geschichte in eine chronologische Übereinstimmung zu bringen, ermöglicht schließlich einige aufregende wie unerwartete Einblicke in die Vergangenheit, durch die letztlich den biblischen Erzählungen und vor allem ihren schattenhafte Gestalten geschichtliches Leben eingehaucht wird! Nach und nach werden hier die mythologisch anmutenden biblischen Nachrichten entschlüsselt und führen den Leser zu überraschenden historischen Wahrheiten von größter Tragweite.
Wer war der Ägypter, den Moses erschlug und im Sand verscharrte? Sein Wirken in der Geschichte scheint mit jenem mysteriösen Mord an einem Ägypter seinen Anfang zu nehmen, ein Mord, durch den eine ganze Reihe an Reaktionen ausgelöst wird. Diese Tat scheint der Schlüssel zu der Rolle Moses in Ägypten zu sein und zugleich in engem Zusammenhang mit dem Exodus zu stehen. Dabei lässt sich feststellen, dass die biblischen Verfasser ratlos gewesen zu sein scheinen, als es darum ging, diesen unseligen Mord zu rechtfertigen. Moses erschlägt einen ägyptischen Aufseher, weil dieser einen seiner geknechteten hebräischen Brüder geschlagen haben soll, und er »verscharrte ihn im Sand«. Obwohl er sich vor der Tat vergewissern konnte, nicht beobachtet worden zu sein, wird er dennoch ausgerechnet später von zwei Hebräern verraten und muss fluchtartig Ägypten verlassen, da nun der Pharao ihm nach dem Leben trachtet. Wenn es um diesen geheimnisvollen Ägypter geht, so treten in diesem Teil der Erzählung eigenartigerweise die Hebräer und der Pharao als Verbündete auf, die beide den Tod des Ägypters sühnen wollen. Und dies würde Moses’ Zugehörigkeit zu der ägyptischen Szenerie ausschließen. Was hat wohl die verfeindeten Parteien, Pharao und Hebräer, zum gemeinsamen Handeln veranlasst und kann der Tod eines einfachen Aufsehers so viel Wirbel am Hof des Pharao auslösen? Dieser Darstellung ist derart schwer zu folgen, so dass sich die Frage geradezu aufdrängt, wieso diese unrühmliche Episode überhaupt in der Bibel Erwähnung findet. Hier zwingt uns die Logik dazu, dass dieser anonyme Ägypter, dessen Tod eine zentrale Bedeutung für die Geschichte des Exodus spielt, alles andere als ein unbedeutender Aufseher gewesen sein dürfte. Auch wenn dies zunächst abwegig erscheinen mag, aus den summarischen Indizien der biblischen Erzählung könnte durchaus geschlossen werden, dass die von Moses erschlagene Person aus den Reihen der Hebräer stammen könnte. Später kommen wir darauf zurück. Die nebulösen Umstände von Moses’ Geburt scheinen auf ein weit älteres Vorbild zurückzugehen, dessen Spur nach Mesopotamien führt. Auch in dem Vorgesang des Gilgamesch-Epos wird vom Helden behauptet, dass seine Eltern unbekannt waren. Nachdem die Wahrsagerpriester des Königs Enmekar von Uruk-Gart verkündet hatten, dass seine Tochter, deren Namen wir nicht erfahren, einen Sohn gebären wird, der ihm sein Königtum rauben werde, schloss der König die Jungfrau in einen Turm und ließ sie scharf bewachen. »Doch nach der Götter Bestimmung, die nicht zu ändern, Gebar sie heimlich von einem Niemandssohn.« (Vorgesang, das Gilgamesch Epos, Reclam) Auch hier im Gedicht wird das »schöne Knäblein« auf eine wunderbare Weise errettet, und entreißt später Enmekar sein Reich. Der Gilgamesch-Epos, dessen älteste Teilstücke aus der Zeit um 2000 v. Chr. stammen, ist schlechthin der wichtigste Literaturstoff nahöstlicher Kultur, dessen Thematik immer wieder in Form verschiedener Dichtungen um den gleichnamigen Helden in anderen Kulturen häufig bearbeitet und übersetzt wurde. Und nicht selten wird die Meinung vertreten, die Verfasser der Bibel hätten ihren Bericht über die Freundschaft zwischen David und Jonathan nach dem Muster der Beziehung zwischen Gilgamesch und Enkidu gestaltet. Hauptfigur des Epos ist Gilgamesch, frühgeschichtlicher Herrscher der ersten Dynastie, der über die Stadt Uruk herrschte (das biblische Erech) und um das Jahr 2800 v. Chr. gelebt haben soll. Auch in dem Epos sollte der neugeborene Gilgamesch getötet werden. Nachdem die Tochter dennoch insgeheim ein Kind gebar, fürchteten sich die Wächter aber vor dem Zorn des Königs und »warfen den Knaben vom Turme herab.« Gilgamesch wird ebenso wie Moses auf wunderbare Weise gerettet, nämlich durch einen Adler, der den Neugeborenen auf seinen Rücken nahm, bevor er am Boden aufschlagen konnte. Das Motiv, Gilgameschs Geburt zu verhindern, deutet also darauf hin, dass seine Geburt in eine Zeit fällt, in der geschichtlich gesehen etwas Weltbewegendes erwartet wurde, in der der gepriesene Held das bestehende Reich, Verkörperung der weltlichen Ordnung, zum Einsturz bringt und ein neues Zeitalter einläutet. Mit Gilgamesch war diese Zeit sozusagen erfüllt. Genau das gleiche Motiv begegnet uns in der Bibel in der Beschreibung des Exodus. Mit seinem Befehl an die hebräische Hebamme versucht der Pharao wie einst Enmekar zu verhindern, dass ein legitimer Nachfolger aus dem Geschlecht der Hebräer geboren wird. Und ebenso steht hinter der zehnten und zugleich letzten Plage, die Tötung der ägyptischen Erstgeborenen, das gleiche Motiv, nämlich zu verhindern, dass auch aus dem Pharaonengeschlecht der erwartete Erretter geboren wird. Hier findet also offensichtlich ein erbitterter Kampf statt, der verhindern soll, dass aus dem einen oder anderen Lager der erwartete Erlöser hervorgehen wird. Und beide Motive, die Tötung der hebräischen Kinder und die der ägyptischen Erstgeborenen, belegen letztlich, dass die Geburt des kommenden Heils zu der fraglichen Zeit ursprünglich auf ägyptischem Territorium erwartet wurde. Mit anderen Worten, man befindet sich auch hier in Erwartung eines Erretters in einer erfüllten Zeit. Dieses charakteristische Handlungsmotiv begegnet uns in der Bibel erneut im Zusammenhang mit der Jesusgeburt: »Da Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, ward er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Knäblein zu Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die da zweijährig und darunter waren.« (Matth. 2, 16) Somit treffen wir im 1. Buch Moses auf ein häufig wiederkehrendes charakteristisches Motiv, das eng mit einer messianischen Erwartung verknüpft ist. Auch das »Märchen vom Schilfkörbchen« bei Moses’ Geburt weist eindeutig auf einen Ursprung in Mesopotamien hin. So erzählt Sargon von Akkad, der Begründer der semitischen Herrschaft in Babylon um 2300 v. Chr., dessen Vater ebenfalls unbekannt war, nahezu die gleiche Geschichte, nur dass sie sich diesmal auf dem Euphrat abspielte: »Sargon, der mächtige König von Akkad bin ich, meine Mutter war eine Vestalin, meinen Vater kannte ich nicht […]im Verborgenen gebar sie mich. Sie legte mich in ein Gefäß von Schilfrohr, verschloss mit Erdpech meine Türe und ließ mich nieder in den Strom, welcher mich nicht ertränkte. Der Strom führte mich zu Akki, dem Wasserschöpfer. Akki, der Wasserschöpfer, als seinen eigenen Sohn zog er mich auf. Akki, der Wasserschöpfer, zu seinem Gärtner machte er mich, In meinem Gärtneramt gewann Istar [die Göttin] mich lieb, ich wurde König und 45 Jahre übte ich die Königsherrschaft aus.« Als die Geschichte von Moses niedergeschrieben wurde, müssen also den Verfassern die Überlieferungen über Sargon von Akkad bekannt gewesen sein, die man aus irgendeinem Grund in die Erzählung übernahm. Doch warum liegen ausgerechnet die Überlieferungen dieser beiden Gestalten so dicht beieinander, so dass die Chronik des einen in die des anderen übergeht? Haben wir es hier mit der Moses-Geschichte um eine spätere literarische Anleihe zu tun, oder steckt dahinter eine völlig unerwartete Erklärung? Bei Sargon von Akkad lässt sich allerdings auch feststellen, dass Teile des Mythos um ihn wiederum auf noch ältere Überlieferungen zurückgehen. Dies geht aus der Tatsache hervor, dass der Gärtner auch bei Gilgamesch dieselbe Rolle spielt. In dem Vorgesang zum Gilgameschepos heißt es unter anderem: »Das erspähte ein Adler mit scharfen Augen, Nahm das Kind, eh’ zu Boden es schlug, auf den Rücken, Zu einem Palmgarten trug er’s und setzte Daselbst es behutsam nieder. Der Gärtner entdeckte das schöne Knäblein, Gewann es lieb und erzog es auf, Gilgamesch nannte er es mit Namen.« (Vorgesang, das Gilgamesch Epos, Reclam) Mit Gilgamesch beginnt ein Zeitalter globaler Veränderungen Wenn also bei bedeutenden semitischen Großreichgründern wie Sargon der Große fast eineinhalb Jahrtausende später auf prägnante Elemente des Gilgamesch-Epos zurückgegriffen wird, dann veranschaulicht dies, welche...