"Nicht zuletzt Optimismus hat die Erde zu dem werden lassen, was sie heute ist: glanzvoll, elend und ' überfordert. Um das zu sehen, brauchen nur einmal die rosarot und grau gefärbten Brillen beiseitegelegt zu werden. Dann wird sichtbar, dass der Mensch ihr im Laufe seiner Geschichte schier unmögliches abgerungen und sie dabei an den Rand dessen gebracht hat, was sie zu geben vermag.'"
aus: Meinhard Miegel, EXIT: Wohlstand ohne Wachstum, Berlin 2010, S. 246
Der Wachstumswahn muss ein Ende finden, sonst sind die Folgen nicht zu fassen, jedenfalls werden sie, machen wir so weiter, die Menschheit, insbesondere die Armen in der sog. 'dritten Welt' an den Rand der Vernichtung führen.
So ließe sich das 247-seiten starke Manifest für eine moderne, entmaterialisierte Respiritualisierung als Form der modernen Askese, die gänzlich bereichernd wahrgenommen wird, zusammenfassen.
Miegel skizziert dabei die Geschichte und Mechanik der frühindustrialisierten Länder, vornehmlich in Europa und zeigt insbesondere mit kunstvollen und spannenden Zahlenspielen die Zerstörungskraft des momentanen Wirtschaftens. In einem zweiten Teil entwirft er dann eine Utopie, eine Vision, ein Konzept einer überlebensfähigen Gesellschaft. Diese sei darauf angewiesen aus der abhängigen Beschäftigung zu entkommen, bürgerliches Engagement besser immateriell zu honorieren und am wichtigsten, weniger und bewusster zu konsumieren.
Es mag bisweilen düster wirken, doch ist dieses bemerkenswerte Werk keine bloße kulturpessimistische Trittbrettfahrerei. Vielmehr liegt Miegel viel daran, wachzurütteln, aufzuzeigen; er will Denkanstöße geben, die interessant, ja notwendig sind. Dabei bedient er sich einer sehr gelungenen Form, dass die Sprache hierbei bisweilen ins Lakonische, ja fast schroff Wirkende abdriftet, erhöht eher die Lesefreude, als dass es den Eindruck schmälert. Die Argumentation ist schlüssig und in seiner schonungslosen Analytik beschämend für all diejenigen, die dem Konsum gänzlich unbedacht frönen, ohne ihr Handeln einer kritischen Reflexion zu unterziehen. Der unheimliche, kaum fassbare Wahn der frühindustrialisierten Länder für immer mehr Wachstum diese unsere Erde auszubeuten, einen irreversiblen Raubbau an den natürlichen Lebensgrundlagen fortzusetzen, nur um ihre gigantische und primitive Geldhonorierungsmaschinerie zu befeuern wird schonungslos enthüllt. Die Kurzsichtigkeit, die Miegel immer wieder feststellt, lässt den geneigten Leser erschaudern. Wie kann das nur sein, dass ein Großteil der frühindustrialisierten Gesellschaften nicht zu sehen scheint oder es nicht sehen will, wie dumm und entwürdigend sie nicht nur mit der Natur, sondern vor allem mit sich selbst umgehen?
Denn, und das bemerkt der Autor des öfteren, ist es nicht unfassbar, dass der Mensch, dieses hochentwickelte Lebewesen, das so ungeheure Möglichkeiten hat, sich mit bedrucktem Papier abspeisen lässt, dass Wachstumsraten und hohe Zahlen in Form des BIP ihn vollkommen seine natürlichen Begabungen vergessen lässt?
Das Zukunftsprogramm, das Miegel entwirft ist ebenfalls sehr schlüssig präsentiert, auch wenn er den enormen Aufwand, den ein solcher Paradigmenwechsel fordert, meiner Meinung nach zu stark vernachlässigt. Das diskreditiert das aufhellende Zukunftsbild als Papiertiger am Reißbrett.
Dennoch bleibt dieses Buch absolut lesenswert, es ist ein Muss für jeden, der gehaltvoll über Tag und Teller hinausgehend über Nachhaltigkeit und soziale Zukunft reden will.
Eindrucksvoll: Der Autor gerät nicht in eine Polemik, er bleibt ausgewogen und sachlich und gerade dadurch demaskiert er vor allem die Regierungspolitik als reaktionär. Ganz sachlich ohne auswendig gelernte Phrasen.
Ein bedeutendes Plädoyer für einen Schlussstrich unter die Ex-und-Hopp-Mentalität, das 'we-were-born-to-shop'-Dogma.