1986 erschien "EVOL", eine Platte die viele Wendungen für Sonic Youth brachte. Hier nahm zum ersten mal Steve Shelley Platz hinterm Schlagzeug und festigte so das Bandgefüge, das bis heute aus Thurston Moore, Kim Gordon, Lee Ranaldo und ihm besteht. (2001 stieg noch Tausendsassa Jim O'Rourke auf unbestimmt Zeit in die Band ein) Diese neue Einigkeit hört man der Platte auch an, was wohl auch der Grund war, wieso erstmals auch Major-Labels an DER Indie-Band schlechthin interessiert waren. Bis der umstrittene Major-Vertrag jedoch tatsächlich unterschrieben wurde sollten noch 4 Jahre ins Land ziehen, 2 nicht minder gute Alben erscheinen("Sister" & "Daydream Nation") und das schräge "Ciccone Youth"-Projekt ins Leben gerufen werden, das mit dem "Whitey Album" ebenfalls eine qualitativ hochwertige Veröffentlichung hervorbrachte.
Aber zurück ins Jahr 1986! Bis "EVOL" erschien hatten Sonic Youth sich vor allem durch die Veröffentlichung von recht schrägem, experimentellen Krach á'la "Confusion is Sex" und den dazugehörigen, ausschweifenden Live-Shows Aufmerksamkeit verschafft. War schon das zuvor erschienene "Bad Moon Rising" ein Versuch, die Kreativität der 4 Bandmitglieder in einen normalen Song-Rahmen zu bringen(damals noch mit Pussy Galore-Drummer Bob Bert) wird dieses Konzept auf "EVOL" meisterhaft fortgeführt...doch der Reihe nach!
"Tom Violence" ist ein düsterer, getragener Song, dessen Songstruktur bereits nach einer Minute zerfällt um nur wenig später wieder zur ursprünglichen Melodie zu finden. Thurston's Gesang klingt sehr zerbrechlich und macht klar, dass sich hier Text und Musik perfekt ergänzen.
Das von Kim, mehr gehaucht als gesungene, "Shadow of a Doubt" führt diese Tradition weiter. Sie trägt den Song flüsternd vor, wodurch er eine sonderbar beängstigende Atmosphäre erzeugt wird, nur um ihn nach kurzer Zeit mit ihren markerschütternden Schreien zu dominieren.
Das folgende, ebenfalls von Kim gesungene "Star Power", fällt mit seiner unverschämt schnell ins Ohr gehenden Melodie aus dem Rahmen und wurde wohl auch deswegen die Single des Albums. Aber Sonic Youth wären nicht Sonic Youth wenn nicht auch dieser, scheinbar aalglatte Popsong, seine Haken hätte. So verliert er sich nach über eineinhalb Minuten in völlig abstrusen Improvisationen, um gegen Ende nochmal stilvoll auf den völlig gelangweilten Gesang umzuschwenken. Ganz groß!
Das wars aber erstmal mit Pop-Appeal, denn im Anschluss gibts mit dem anstrengenden "in the Kingdom #19" erneut eine Sonic Youth-Premiere! Genaugenommen sogar 2 denn erstens gibt es hier den ersten richtigen Gastauftritt auf einem SY Album (abgesehen von der Kooperation mit Indie-Göttin Lydia Lunch auf "Bad Moon Rising") und zwar von Mike Watt, der hier Bass spielt. Außerdem darf Lee Ranaldo das erste mal in der Bandgeschichte bei einem Song die Leadvocals übernehmen. Und das zahlt sich aus. Während spätere Songs von ihm entweder recht melodiöse Rocksongs oder melancholische Balladen sind (trotzdem immer wieder meine persönlichen Highlights), trifft auf diesen Song nur ein Adjektiv zu: Überdreht! Ohne irgendeine erkennbare Struktur und komplett aus Rückkopplungen, Noise-Ausbrüchen, eingestreuten Riffs, seltsamen Schreien und plötzlich wieder gesprochenem Text bestehend, ist der Song der mit Abstand seltsamste auf EVOL. Ein sehr guter Einstand von Ranaldo, der hier beinahe klingt wie William Borroughs auf seinen legendären Spoken Word Tracks (von denen ebenfalls Einige von SY mit Krach unterlegt wurden)..ein Tribut?
Was darauf folgt ist Fassungslosigkeit und "Green Light". Ein Thurston Moore-Song der sich mit seinen dahinvegetierenden Gitarren erstmal nicht sonderlich vom ebenfalls recht simplen Schlagzeug-Gerüst abhebt. Kurz darauf dominiert Thurstons Gesang, dessen Melodie und Ausdruck an Kinderlieder erinnert. Und dann ein Break...Steigerung...verdrehte Melodien, zerbrechliche Soundwälle und ein Rythmus bei dem Steve Shelley zeigen darf was er kann. Kurz darauf wieder totale Resignation und ein letztes, kreischendes Aufbäumen der Gitarren.
Ähnlich verhält es sich mit dem Instrumental-Track "Death to out Friends".
Wohlig klingende Rhytmusgitarre und schräge Rythmen treffen aufeinander, reissen sich gegenseitig die Haare aus und liegen sich nach exakt 3:19 Minuten wieder schluchzend in den Armen. Als Einzel-Track nicht besonders spektakulär, im Kontext des Albums jedoch besonders wichtig um den Übergang zur zweiten Hälfte zu ermöglichen und den guten, alten Dreineinhalb Minuten Songs lebewohl zu sagen.
Der folgende Song ist zwar nicht länger und nur geringfügig kürzer als dreineinhalb Minuten aber...is das wirklich noch ein Song? So beginnt er mit stampfenden Samples die willkürlich aneinandergehängt wurden um nach gut einer Minute auf eine wundervolle Piano-Melodie umzuschwänken die von Kim's Sprechgesang absolut passend unterstützt wird. Nur knapp 3 Minuten lässt sie sich auf die Rolle eines der "Secret Girls" ein und fordert zum Schluß: "come an touch me here!" während sich die Melodie langsam verläuft und den sehr atmosphärischen und düsteren Song zu Ende bringt.
Mit "Marilyn Moore" folgt wieder ein Thurston Moore Song der ganz in der Tradition von "Tom Violence" steht. Abgedrehte Gitarren zum Anfang und eine nie zur schau gestellte Progessivität dominieren den Song der mit seinem tragenden, starren Rhytmus und Thurstons hypnotischen Gesang einer der Fixpunkte des Albums ist und sich trotzdem sehr organisch eingliedert.
Was dann folgt ist Manie! "Expressway to yr Skull" beginnt mit den Zeilen "We're gonna kill the Californian Girls" und bringt damit das Album bereits mit den ersten Zeilen auf den Punkt. Beschwingt von trashig-filigranen Gitarren und Thurstons näselnder Stimme glaubt man beinahe selbst neben den "Californian Girls" am Strand rumzuhüpfen, wäre da nicht der extrem sarkastische Text der jedoch lediglich den ersten Teil des, über 7 Minuten dauernden, Songs begleitet. Dann ein kurzer Ausbruch, Taktwechsel, Geschrammel und plötzlich...wieder Ruhe! Eine tragende Bassline verläuft sich am Ende des Stückes in einem dunklen Wald aus Feedbacks, wohligem Rauschen und schließlich Stille...
Ein Manifest, oder wie Neil Young (die die Band daraufhin mit auf seine Tour nahm) es mal nannte: "einer der besten Gitarren-Songs aller Zeiten"!
Normalerweise wäre das Album jetzt zuende doch man ließ es sich nicht nehmen die CD Veröffentlichung noch mit der unsäglichen B-Seite/Coverversion (im Original von Kim Fowley) "Bubblegum" zu verhunzen (wohlgemerkt: auf Vinyl, sprich: der Originalausgabe des Albums fehlt der Song)
An sich kein schlechter Song. Ohrwurmqualitäten entstehen aus dem extrem penetranten Refrain und den locker groovenden Gitarren. Doch was macht so ein Song auf einem Album wie "EVOL"?
Nunja, diese Frage sollte sich jeder selber beantworten!
Abgesehen davon haben Sonic Youth hier erstmals ein vollends homogenes Album geschaffen, das zugleich düster und extrem eingängig ist. Ein Meilenstein und in meiner ewigen Sonic Youth-Bestenliste mindestens unter den ersten 5. Abschließend ist noch zu sagen, dass die Linernotes, die ja öfter mal einfach überblättert werden, sehr zu empfehlen sind. Eine andre Art "EVOL" zu erleben...