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179 von 191 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Alptraum, 14. August 2005
In einer der zahlreichen Online Rezensionen zu EVIL (THE GIRL NEXT DOOR) bei Amazon.com schrieb ein Leser, dass er als Amerikaner für die Redefreiheit eintrete, die für alle gelten solle. Für alle, nur nicht für Jack Ketchum. Gründe für diese Aussage werden kaum gegeben, außer dass der Roman abartig sei.Ja, diese Geschichte ist schockierend, Ekel erregend. Sie überschreitet die Grenzen des Erträglichen. Ich habe beim Lesen Pausen einlegen müssen, um das Grauen in kleinen Portionen verarbeiten zu können. Mir standen Tränen in den Augen, und ich habe gewünscht, dass sich in der beständig abwärts führenden Spirale der Gewalt ein Hoffnungsschimmer entdecken lässt. Manchmal habe ich sogar gehofft, dass die Geschichte eine unglaubwürdige Wendung nimmt, mir die Chance lässt, mich auf diese Weise zu distanzieren. Aber Jack Ketchum schreibt gnadenlos realistisch. Er besitzt ein meisterhaftes Gespür für die Psychologie seiner Figuren. Und so unglaublich das für manchen Leser scheinen mag: die hier geschilderten Vorgänge beruhen zum größten Teil auf Tatsachen. Im Jahr 1965 gab ein Schausteller seine beiden Töchter vorübergehend bei einer Psychopatin in Obhut. Vier Monate später wurde die Leiche der 16-jährigen Silvia Likens auf einer Matratze im Keller eines gut bürgerlichen Hauses gefunden. Der Leichnam war von über 100 Zigarettenbrandwunden übersät. Auf dem Bauch befand sich eine Tätowierung, eingebrannt mit einer glühenden Nadel. Gertrude Baniszewsk, die für 20 Dollar in der Woche auf die beiden Kinder aufpassen sollte, hatte Silvia Likens gemeinsam mit ihren eigenen 7 Kindern und Kindern aus der Nachbarschaft misshandelt und zu Tode gequält. Man hat Jack Ketchums Roman in die Horrorecke verbannt. Verstört er dort weniger? Braucht er ein zusätzliches Etikett, damit man sich als Leser in die Behauptung flüchten kann, dies alles sei doch letztlich nur Fiktion? Vielleicht. Wer sehr sensibel ist, wird das hier Beschriebene unerträglich finden. Wer als Kind sexuell missbraucht oder körperlich misshandelt worden ist, wird mit einem Kloß im Hals nicken: „Ja, so ähnlich war's. Sie haben alle weggeschaut, niemand wollte es genau wissen. Dinge wie diese dürfen nicht geschehen. Deshalb ist es besser, sie zu ignorieren." Weil ich selbst viele der Grausamkeiten erlebt habe, kann ich aus meiner Sicht nur bestätigen, dass die Figuren in diesem „Spiel" realistisch geschildert werden. Wie Maggie habe auch ich mir die Fragen gestellt. „Warum? Was habe ich getan, dass mir das angetan wird?" Auch Jack Ketchum kann darauf nicht viele Antworten geben. An einer Stelle schreibt er: „Aber es scheint mir wahrscheinlicher, dass wir es deshalb taten WEIL sie im Gegensatz zu uns schön und stark war (....), um ihre Schönheit zu bewerten." In diesem Irrsinn der Gewalt ist man schon dankbar, dass es wenigstens einen Versuch der Erklärung gibt. Dank an den Heyne Verlag, dass dieses Buch 16 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung endlich auch auf Deutsch erscheint. Es ist ein wichtiger Roman. Gnadenlos kompromisslos und so verstörend, dass man ihn nie vergessen wird.
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57 von 63 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Horror als Grenzerfahrung, 1. Juni 2005
Ganz, GANZ hart an der Grenze des Erträglichen. Ganz nah an dem, was "Horror" ausmacht, wenn er den Namen verdient: Grenzerfahrung - stellvertretend natürlich (Gott sei Dank!) durch einen künstlerischen Filter, hier in Prosa-Form. Ketchum erzählt eine denkbar einfache Geschichte. Wir sind in einer US-Kleinstadt Ende der 50er. Heile Welt trotz Atombombe, Rock'n'Roll und Playboy. Keiner schließt Türen ab, jeder kennt jeden. Das Grauen kommt nicht in Form von Alien-Schoten oder Riesenameisen. Das Grauen ist schon da. In der Nachbarschaft. Die Eltern von Meg und Susan kamen bei einem Autounfall ums Leben. Ruth Chandler (alleinerziehend) und deren drei Söhne sind die nächsten Verwandten, und dort werden die beiden Mädchen einquartiert. Die ältere, Meg, ist bildschön, ihre Schwester Susan nach dem Unfall auf Gehhilfen angewiesen. Ruth hat nun 5 Kinder, aber niemand im Ort scheint danach zu fragen, ob das vielleicht eine Überforderung sein könnte. So ist das halt: Familie hilft sich. Erst einmal scheint also das Leben für die Mädchen trotz des tragischen Unfalls in der unter den Umständen bestmöglichen Idylle normal weiterzugehen. Aber was ist normal? Ketchum stellt diese Frage durchaus als Moralist und lässt nie locker. Wir dringen in die Welt der Kinder und Jugendlichen ein: Ist es normal, dass Woofer Chandler Spielzeugsoldaten verbrennt, dass er Würmer in Ameisennester wirft, um ihren Todeskampf zu beobachten? Ist es normal, dass die (männlichen) Kinder der Clique "Das Spiel" spielen, bei dem der Verlierer angebunden und der Quälerei der Sieger ausgesetzt ist? Ist es normal, dass irgendwann auch die kleine Denise mitspielt und den ersten sexuellen Gelüsten der Mitspieler ausgesetzt ist (und es auch genießt)? Ist es normal, dass Eltern ihre Kinder schlagen und misshandeln, bis diese selbst die Gewalt an ihre Spielkameraden weiterreichen? Wo fängt die Spirale der Gewalt an, wo wird die Grenze des "Zivilisierten", des Menschseins überschritten? Ruth, die von ihrem Mann verlassen wurde und sich nun allein mit fünf Kindern durchschlagen muss, empfindet die neuen Mitfresser als Zumutung. Speziell Meg ist ihr ein Dorn im Auge. Und allmählich verwandelt sich Argwohn und Abneigung in blanken, irrsinnigen Hass, der offen als Sadismus zu Tage tritt. Ruth sperrt Meg in den Keller, misshandelt das Mädchen, animiert ihre Söhne dazu, es ihr gleich zu tun, Nachbarskinder gesellen sich hinzu, machen mit. Die Dinge eskalieren immer weiter. EVIL (Originaltitel: The Girl Next Door) ist pessimistisch im Grundton und das bis zum Schluss: Irgendetwas stimmt mit dieser Gesellschaft/den Menschen nicht, aber was genau das ist, ist beunruhigenderweise nicht wirklich fassbar. Eines aber ist sicher: zurückziehen auf "das Böse" kann sich niemand. Ketchum vermeidet den reaktionären Ton (Selbstjustiz, Rache, Weg mit dem Abschaum), den man erwarten könnte, den man fasst herbeisehnt, weil er wenigstens so etwas wie einen Anschein von Erlösung oder Gerechtigkeit bieten könnte. Das Buch ist zu Ende und es geht einem nur schlecht.
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30 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Nicht Horror: sadistisches Kinderdrama, 21. Juni 2007
Jesus Maria.
Was für ein Buch...
Ich würde mich als "Horror Connoisseur" bezeichnen, allerdings wohl eher aus der Clive Barker Ecke, wo menschliche Abgründe mit phantastischen Elementen (fremde Welt, Unsterblichkeit etc.) kombiniert werden. Bei diesem Buch habe ich eine Art Krimi-Thriller erwartet und bewusst nichts über den Inhalt gelesen. "Schleichender Horror", hiess es.
Das Buch ist zwar absolut horrormässig zu lesen, ich verstehe allerdings nicht, warum darauf so rumgeritten wird und man grad einen Stephen King zitieren muss. Meiner Meinung nach tut dies dem Buch nicht gut, denn ist ist ein reinrassiges, überaus brutales, menschenentwürdigendes Drama. Vermutlich kleben überall die Horroretiketten, weil Jack Ketchum (Pseudonym) ansonsten effektiv Horrorbücher geschrieben hat. (OFF SEASON: Kannibalen fallen über eine Stadt her, ausserhalb der Feriensaison etc.). Hier wird nun aber eine WAHRE GESCHICHTE erzählt. Und somit wird das ganze zum wahrhaftigen Alptraum. Ungefähr in der Mitte des Buches musste ich mir effektiv regelmässig, fast schon chronisch einreden, hier eine fiktive Geschichte zu lesen, die allerdings so passieren könnte. Und was vernehme ich dann...? Sie IST so passiert.
EVIL empfand ich erstmals als Titel unglaublich schlecht gewählt. Englisch heisst das Buch "THE GIRL NEXT DOOR". Das Buch handelt davon, wie Erwachsene Regeln aufstellen können, die von unerfahrenen Kindern aus "gutem Hause", die nicht sonderlich leiden mussten und sich deswegen nicht in das Leid anderer versetzen können, bedenkenlos übernommen und weiter gepflegt werden. Sie werden zu Sadisten, egoistischen Sadisten, die zum Zeitvertreib Schnecken verbrennen, Würmer zwischen Ameisen schmeissen um genüsslich den schmerzhaften Windungen des Tieres während des Todeskampfes zuzuschauen.
Das Buch kommt meines Erachtens ungefähr aus derselben Ecke wie cineastische Schocker à la "IRREVERSIBLE". Erstmals sind die Bilder und Beschreibungen dermassen menschenverachtend, dass man ernsthaft am Verstand des Regisseurs/Schriftstellers zweifelt, jedoch wird das Thema dermassen tief ausgeleuchtet, dass nicht die blosse Faszination am Horror an für sich an der Frontseite hängen bleibt. Das Thema, die Geschichte, die Hergänge, alles wird für den blutgeilen Horristen zu détailiert, zu menschlich dargestellt. EVIL ist ein Drama, schlicht und einfach. Wer also unbeschwerten Horror lesen möchte, muss einen grossen Bogen um dieses Buch machen. Hier wird man mit den nun wirklich abgrundtiefsten Seiten des Menschen konfrontiert. Und wer ein Happy End erwartet... dem soll gesagt werden, dass hier dermassen kompromisslos vorgegangen wird, dass es unglaubliche Wut und Trauer auslösen kann. Es gibt in diesem Buch keine Gerechtigkeit:
David lebt im Haus neben den Chandlers. Ruth Chandler muss drei kleine Söhne über die Runden bringen, bis eines Tages zwei Nichten auftauchen, die nun auch zu versorgen sind, weil deren Eltern in einem Unfall tragisch ums Leben gekommen sind: Meg und Susan. Wegen des Unfalls ist Susan sehr eingeschränkt und mit Beinschienen und weiteren medizinischen Geräten ausgestattet. Ruth Chandler offenbart erst nach einigen Seiten ihr wahres Ich: eine verbitterte, gewaltbereite, überforderte Mutter mit einem schweren psychichen Defekt, der zunehmend schlimmer wird. Meg, die schöne Rothaarige, wird fortan zu einer Leidensträgerin, neben welcher die Opfer aus HOSTEL wie Strahlemänner wirken müssten, denn der wahre Horror spielt sich auf der psychologischen Ebene ab, wobei auch körperliche Schändungen der wirklich extremsten, kaltblütigsten Sorte nicht ausgelassen werden. Schlimmer wird das ganze in dem Moment, als sich beim "Kindsmissbrauch durch Erwachsene" nun auch noch Kinder beteiligen.
Mir persönlich hat das Buch teilweise den Verstand verdreht. Ich kenne Situationen aus Jugendjahren, die recht extrem waren, weil sie es erstens tatsächlich waren, und man zweitens als Kind vollkommen wehrlos ist. Diese Wehrlosigkeit und die Naivität/Dummheit und in gewissen Fällen Kaltblütigkeit Mitbeteiligter ist es, welche den absoluten Terror dieses Buches ausmacht. Das ganze wird dann auch vollkommen kompromisslos aufgezeigt, niemand relativiert, niemand hilft, niemand fühlt mit. Da wird einem an Schnüren in einem unterirdischen Bunker gefesselten Mädchen zum x-ten mal in empfindliche Körperstellen gekniffen, mit der Aufforderung zu weinen. Was manchmal nicht möglich ist, wenn man bis vor wenigen Minuten während den letzten Tagen nur geweint hat.
Kein Buch für zarte Seelen (wie mich). Wie bei IRREVERSIBLE ein Buch, das berührt und man fühlt sich genau wie David: man will nicht weiterlesen, und doch kann man irgendwie nicht anderst. Noch nie war ich selbst so nah und so sehr Teilnehmer. Ein Fluch. Doch wenn man solche Themen auffasst, dürfen sie nicht simplifiziert werden.
Ansonsten wirds genau so sein wie mit David: man denkt sich "ist schon schlimm, aber wird schon!". Wird nun aber bis ins letzte Détail alles präsentiert, wird man sich der unglaublichen Tragik erst bewusst. Eine Vergewaltigung beispielsweise ist kein Akt von wenigen Sekunden, das ist allerhöchstens in Filmen so. Dennoch: man hat als Mensch das Recht etwas NICHT zu sehen oder zu lesen. Es gibt auch Dinge, von denen ich nichts genaueres wissen will, auch wenn ich weiss, dass sie geschehen. Bei diesem Buch ist das eine solche Gradwanderung. Ich hätte fast aufgehört.
Fazit: wer Horror ala Clive Barker / Stephen King / Dean Koontz etc. möchte, soll das hier schleunigst vergessen. Ich würde hier eher von TERROR als von Horror sprechen. Das Buch macht nicht Spass und leuchtet jegliche Fazetten von purem Schmerz aus. "Ihr wisst, was Schmerz ist?", so der erste Satz dieser Erzählung. Der ganze Roman befasst sich mit Schmerz: jener, den sich Kinder unabsichtlich beim Spielen zufügen, jener, den lieblose Eltern den Kindern zufügen, jener, den sich Ehepartner gegenseitig zufügen, wenn die Familie nicht mehr Bilderbuchkonform ist, Schmerz aus Masochismus, Schmerz aus Sadismus, unverstandendener, fehlinterpretierter Schmerz...
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